Das digitale Semester – Ein Erfahrungsbericht (Teil 1)

Symbolbild: Studieren daheim im Home office

„Studierende wie Lehrende werden neue und vielfältige Erfahrungen sammeln“, schrieb Frau Prof. Dr. Gabriele E. Schaumann, Vizepräsidentin der Universität Koblenz-Landau in einer Rundmail zur Begrüßung im Sommersemester 2020. Gemeint war damit die Umstellung auf das erste rein digitale Semester aufgrund der Corona-Pandemie. Wie erfahren Studierende das Semester? Der erste Teil eines Erfahrungsberichts.

Tag 1 – Montag, 20.04.2020

Das digitale Semester beginnt. Wir haben Montag, den 20. April 2020, es ist ein Sommersemester. Aufgrund der Corona-Pandemie und der daraus resultierenden Kontaktbeschränkungen sind sowohl der Campus gesperrt als auch größere Menschengruppen untersagt. Ich studiere am Campus in Landau und belege in diesem Semester insgesamt sechs Veranstaltungen. Mein Lebensunterhalt ist durch das BAföG gesichert, sodass ich neben dem Studium nicht arbeiten muss.

Im Laufe der letzten Woche haben mich viele E-Mails von Dozierenden erreicht. Der Inhalt war immer gleich: Wie wird der Ablauf der Veranstaltungen online in diesem Semester sein? Es gab Informationen zur Vorgehensweise in den einzelnen Veranstaltungen und den Zugang zu OLAT, der Onlineplattform, über welche den Studierenden der Kontakt zu den Dozierenden sowie das Material der Seminare bereitgestellt wird. Schon in den letzten Tagen fiel mir die Uneinheitlichkeit auf: Manches wird vorab aufgezeichnet, kann dann angesehen oder angehört werden, anderes soll über Konferenzen stattfinden. In fast jedem Onlinekurs gibt es ein digitales schwarzes Brett, an dem Fragen zu den Seminaren gestellt werden können, um so einen horrenden E-Mail-Verkehr zu verhindern.

Durch die Uneinheitlichkeit in der Vorgehensweise der Dozierenden kommt es bei mir zu einem Gefühl der Verunsicherung. Während man bei einigen Veranstaltungen mindestens über den Zeitraum von einigen Tagen die Möglichkeit hat, sich die Inhalte anzuhören oder anzusehen, muss man bei anderen Veranstaltungen an einer Konferenz teilnehmen. Man muss also zusätzliche Energie aufwenden, um darauf zu achten, ja im richtigen Kurs zur richtigen Zeit irgendwo online zu sein. Meine erste Konferenz wird am Mittwoch, dem 22.04.2020, sein.

„Durch die Uneinheitlichkeit
in der Vorgehensweise der Dozierenden
kommt es bei mir zu einem
Gefühl der Verunsicherung.“

Die letzten Tage habe ich also in Bezug auf das Studium vor allem damit verbracht, Klarheit in das Durcheinander unterschiedlicher Mails und Kurse für mich zu bringen. Nach und nach bin ich die einzelnen Kurse durchgegangen, habe mich angemeldet (auch hier sind wieder Fristen zu beachten, einige recht eng bemessen), die Materialien heruntergeladen und wie üblich auf meinem PC in Ordnern sortiert. Hier ist es mit Sicherheit von Vorteil, dass ich in meinem Studium gewöhnlich auch mit einem Laptop arbeite.

Mir ist aufgefallen, dass man sich durch die doch mehr oder minder fehlende Struktur relativ leicht übernehmen kann. Durch die ständige Verfügbarkeit der Kurse beziehungsweise deren Inhalte ist es auch möglich, etwa um 3 Uhr morgens an der Veranstaltung „teilzunehmen“. Hier hilft sicherlich eine gewisse Struktur und eine Orientierung am normalen Wochenplan: Die Kursinhalte möglichst zur angegebenen Zeit durchzugehen und nicht die ganze Arbeit einer Woche an einem Tag zu erledigen. Paradoxerweise besteht auch die Gefahr, den Umfang der Arbeit einer Sitzung leicht zu unterschätzen, da man gefühlt nicht an einer anderthalbstündigen Veranstaltung im klassischen Sinne teilnimmt.

Kurz bevor ich angefangen habe, diesen Bericht zu schreiben, hatte ich einen Onlinekurs gestartet, bei dem die Organisation vor allem an einem wöchentlichen Podcast orientiert ist. Üblicherweise ist als Teilleistung für das Absolvieren des Seminars ein Referat pro Sitzung vorgesehen, bei welchem zwei oder drei Personen einen kurzen Input geben und eine Diskussion anstoßen. Diese Referate sollen hier online durchgeführt werden: Foliensätze sollen ebenso wie maximal zwanzigminütige Audiodateien hochgeladen und die Diskussion in einem Onlineforum geführt werden. Neben diesen Referaten sollen Exzerpte von zu lesenden Texten angefertigt und eine Hausarbeit geschrieben (oder wahlweise ein benotetes Referat mit – aufgrund der Onlinesituation – zusätzlich anzufertigender fünfseitiger Ausarbeitung gehalten) werden.

„Man muss sich in stärkerem Maße
selbst motivieren,
sich in stärkerem Maße
selbst organisieren.“

Bei mir stellt sich direkt ein Gefühl der Überforderung ein. Ein kurzes Zweifeln zu Beginn eines neuen Semesters gab es bei mir wohl fast in jedem neuen Semester. Ich studiere nun in meinem sechsten Semester und kenne das, obschon ich mich wohl nie daran gewöhnen werde. Hier kamen nun vor allem auch Gedanken dazu auf, wie das wohl alles zu schaffen sei: Man muss sich in stärkerem Maße selbst motivieren, sich in stärkerem Maße selbst organisieren. E-Mails der Universitätsleitung in den letzten Wochen (und auch heute zu Semesterbeginn) sind da aufbauend und nett gemeint, lassen mich am Ende aber doch allein. Erschwerend kommt hinzu, dass man sich die meiste Zeit in derselben Umgebung aufhält, man also keinen nennenswerten Lernortwechsel hat.

Der Podcast stampft gefühlt hart voran. Ich habe ihn mehrere Male angehalten. Es ist sehr viel Input, doch ich schätze, dass es an der Aufzählung der insgesamt zu erbringenden Leistungen und der Inhalte liegt, welche einem so ins Bewusstsein gerufen werden. Interessanterweise wirkt es erleichternd, dass es bereits jetzt ein Onlineforum mit der Möglichkeit des Brainstormings (was – wie im Podcast genannt – üblicherweise in der regulären ersten Sitzung gemacht worden wäre) gibt. Es kam der Gedanke auf, dass es doch zu schaffen sein könnte. Das erste Seminar macht auf mich nun einen geregelten Eindruck, der Sicherheit gibt.

Für die zweite Veranstaltung an diesem Tag, eine Vorlesung, gibt es keinen Podcast und kein Video. Es wurde der Foliensatz für die erste Sitzung hochgeladen. Auf diesem finden sich kleinere Aufgaben (wohl Fragen, die auch in der regulären Sitzung gestellt worden wären) sowie Hinweise auf der zweiten Seite. Vorteilhaft ist, dass sich die Vorlesung an einem Lehrbuch orientiert, welches so mit Sicherheit Struktur und Ordnung geben kann. Das Buch habe ich bereits bestellt. Die Folien habe ich mir angeschaut und die Fragen beantwortet. Es ging bei diesem ersten Foliensatz recht gut, jedoch habe ich den Eindruck, durch die Unterstützung mithilfe eines Vortrags mehr gelernt haben zu können. Vielleicht hilft die Nachbearbeitung durch das Lesen des Buchs.

„Einerseits könnte es gelingen,
andererseits nicht.“

Der erste Tag im digitalen Semester ist vorüber und ich habe ein relativ ausbalanciertes Gefühl: Einerseits könnte es gelingen, andererseits nicht. Es scheint momentan jedoch ersteres zu überwiegen. Mit der Zeit wird sich zeigen, wie gut die ausschließlich digitale Lehre funktioniert.

Tag 2 – Dienstag, 21.04.2020

Heute hätte ich regulär an einer Vorlesung um 16.15 Uhr teilgenommen. Auch für diese Veranstaltung gibt es einen Onlinekurs. Die jeweiligen Sitzungen sollen aufgezeichnet werden und wöchentlich von Dienstag bis Sonntag abrufbar sein. Stand jetzt (18.53 Uhr) ist jedoch noch nichts online. Spekulation bleibt, ob es mit der Onlineplattform zusammenhängt, welche gestern unter einer enormen Last stand und bei einigen Bekannten erst nach mehrmaligem Laden, teilweise auch erst nach Stunden richtig erreichbar war.

Ich habe heute einen Text für ein digitales Referat gelesen, welches planmäßig bereits am Montag, dem 27.04.2020, gehalten werden soll. Dabei hatte ich doch große Motivationsschwierigkeiten und habe lange gebraucht.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Semester freiwillig sein muss.

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Das ist der erste Teil des Erfahrungsberichts zum digitalen Semester aus Studierendenperspektive.
Für den zweiten Teil hier klicken.
Für den dritten Teil hier klicken.

Bildquelle: pixabay.com

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