Das digitale Semester – Ein Erfahrungsbericht (Teil 2)

Symbolbild: Studieren daheim im Home office

„Studierende wie Lehrende werden neue und vielfältige Erfahrungen sammeln“, schrieb Frau Prof. Dr. Gabriele E. Schaumann, Vizepräsidentin der Universität Koblenz-Landau in einer Rundmail zur Begrüßung im Sommersemester 2020. Gemeint war damit die Umstellung auf das erste rein digitale Semester aufgrund der Corona-Pandemie. Wie erfahren Studierende das Semester? Der zweite Teil eines Erfahrungsberichts.

Tag 3 – Mittwoch, 22.04.2020

Der heutige Tag hätte in der Regel mit einer Vorlesung um 8.15 Uhr begonnen. Dort werden die Sitzungen aufgezeichnet und können dann zu einer beliebigen Zeit angeschaut werden. So beginnt mein Tag heute erst um 10.15 Uhr: Geplant ist online eine Telefonkonferenz über die Lernplattform OLAT. Dieses Vorhaben scheitert aber bereits, bevor es richtig begonnen hat: Der Server ist überlastet und eine Verbindung nicht möglich. Der Dozent schlägt über das digitale schwarze Brett vor, es über den Kurs-Chat zu versuchen, welcher ebenfalls zur Verfügung steht. Dort wurde auf andere Browser verwiesen, jedoch bin ich auch nach erneutem Versuch so auf eine Seite weitergeleitet worden und bin nun wohl im Online-Meeting.

Der Server ist
überlastet und
eine Verbindung
nicht möglich.

Einziges Signal (neben den Textnachrichten im Chat sowie einer Livepräsentation der Folien), das ich und weitere Teilnehmende als auch der Dozent erhalten, ist ein sehr anstrengendes Quietschen, wenn eine Chatnachricht angekommen ist. Die Sitzung findet jetzt mithilfe der Livepräsentation und dem Chat im Online-Meeting statt. Bereits bei der zweiten Folie stürzt das Meeting für mich ab und ich bin nicht mehr im Raum. Auch bei anderen und beim Dozenten selbst ist das der Fall.

Mit datenschutzrechtlichem Bedenken fragte eine Teilnehmerin im Chat, ob eine WhatsApp-Gruppe zum Seminar funktionieren würde. Der Dozent verwendet selbst nur Telegram – mit dem Hinweis, dies aber auch nur privat zu tun. Immer mal wieder Nachfragen zur Verwendung von Zoom. Der Dozent verweist darauf, dass er nur Infrastruktur verwendet, welche die Universität zur Verfügung stellt: Für ihn gibt es so nur die Möglichkeit per OLAT oder über ein Programm namens Big Blue Bottom. Andere Teilnehmende haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet, der Dozent fährt nach Aufforderung mit der Präsentation der Folien fort.

Der Rest der Veranstaltung lief recht reibungslos mithilfe des Chats und der Präsentation der Folien ab. Mein Eindruck: Dozierende und Studierende sitzen im selben Boot, sind auf digitale Infrastruktur angewiesen.

Die Vorlesung am heutigen Tag wird mithilfe von sogenannten Screencasts realisiert: Die Dozentin präsentiert die Vorlesungsfolien mit Sprachausgabe. Bisher wohl die beste Lösung. Man kann sich die Inhalte anschauen und mitschreiben. Die Inhalte sind auch über das ganze Semester verfügbar. Vorteil bei mir: Da ich neben dem Laptop noch einen stationären PC habe, kann ich die Screencasts ansehen auf diesem ansehen und parallel auf dem Laptop Notizen machen.

Studierende und Dozierende
sitzen im selben Boot, sind auf
digitale Infrastruktur angewiesen

Tag 4 – Donnerstag, 23.04.2020

Heute habe ich mir zunächst die Vorlesung, die dienstags stattfinden sollte, angesehen: Sie wird mithilfe von vorher aufgenommenen und zeitlich begrenzt verfügbaren Videos realisiert. Das Video ist sehr gut produziert und inhaltlich klar strukturiert. Lediglich den Link zu dem Video habe ich nicht sofort gefunden, da er über einen im Onlinekurs integrierten Kalender bereitgestellt wird, der in meinem bisherigen Studium noch nie zum Einsatz kam: Daher habe ich dort nicht geschaut. Aber durch das Erfragen im kurseigenen Forum ließ sich das schnell klären. Es ist eines der kleineren Probleme bei diesem Umstieg zu digitaler Lehre.

Skeptisch war ich anfangs über die zeitlich begrenzte Verfügbarkeit der aufgenommenen Videositzungen (planmäßig wöchentlich von Dienstag bis Sonntag). Diese Skepsis wich aber währenddessen der Erkenntnis, dass diese Verknappung der Erreichbarkeit einen Motivationseffekt mit sich bringt: Man muss diese Vorlesungen – wie üblicherweise auch – in dem Zeitraum ansehen (bzw. besuchen). So wird man nicht verleitet, sich am Ende des Semesters alle auf einmal anzusehen. Das schafft zusätzliche Struktur und Sicherheit – und entlastet, da man sich beides in dieser Hinsicht nicht selbst geben muss.

Die zweite – eigentlich einzige – planmäßige Veranstaltung an diesem Tag war ein Seminar. Dieses sollte ursprünglich einen ähnlichen Ablauf mit einem Onlinemeeting haben wie das Seminar gestern. Da die Ressourcenprobleme jedoch flächendeckend aufzutauchen scheinen, schickte die Dozentin eine E-Mail an alle Teilnehmenden: Es fand keine Konferenzschaltung statt. Sie hatte stattdessen ein Video aufgenommen, in dem sie die grundlegenden Informationen der ersten Sitzung sowie eine thematische Einführung gab. Das hat gut funktioniert.

Grundsätzlich scheinen Dozierende und Studierenden hier tatsächlich im selben Boot zu sitzen. Beide Gruppen finden sich in eine ungewohnte Situation geworfen und spüren die mangelnden Ressourcen bei der Bereitstellung der Onlinedienste. Mein Eindruck ist nach den letzten Tagen jedoch, dass sich die Dozierenden (zumindest in meinen belegten Veranstaltungen) viel Mühe geben, trotz dem Fehlen der Präsenzlehre eine gute Bildung vermitteln zu können.

Tag 5 – Montag, 27.04.2020

An diesem Tag sollte ich ein Referat halten. Dieses wurde mithilfe eines Audiopodcasts realisiert: Mein Referatspartner nahm den ersten Teil auf, ich den zweiten, anschließend luden wir jeweils nummeriert unsere Audiodateien und die Referatsfolien hoch. Das haben wir bereits im Voraus getan. Zum Referat gehört auch eine geleitete Diskussion. Diese soll online in einem eingerichteten Forum stattfinden und zwei Fragen beinhalten. Wir haben uns also jeweils eine Frage zu unserem Teil überlegt und gestellt, nachdem wir dies zuvor so vereinbart haben. Jeder soll seine eigene Frage moderieren. Diese Moderation im Forum soll 48 Stunden, also zwei Tage gehen.

Die zweite Veranstaltung an diesem Tag: Eine Vorlesung. Hier wurden wie in der Woche zuvor nur die zugehörigen Vorlesungsfolien mit rot markierten Fragen hochgeladen. Beim Durchsehen der Folien fällt mir auf, dass nicht nur ein Text von 37 Seiten, sondern auch noch ein Einleitungskapitel als Nachbereitung der Einführungsveranstaltung zu lesen war – letzteres hatte ich übersehen. Nun gut, dass ist meine eigene Schuld und ich lese das Kapitel dann nach, um dann mit den Folien fortzufahren.

Wie sonst auch gilt:
Nur Folien und Text
ersetzen keine Vorlesung,
nur Folien und Text führen

nicht zum Verständnis.

Tag 6 – Dienstag, 28.04.2020

Die restlichen Folien der Veranstaltung habe ich mir an diesem Tag angesehen und auch die gestellten Fragen für mich beantwortet. Obgleich die Fragen gut gestellt sind und zum Nachdenken anregen, erscheint mir diese Form der ausschließlichen digitalen Lehre nicht als ein guter Ersatz für die Präsenzveranstaltung. Wie sonst auch gilt: Nur Folien und Text ersetzen keine Vorlesung, nur Folien und Text führen nicht zum Verständnis.

Aus privaten Gründen habe ich das Ansehen der Vorlesung, welche dienstags stattfindet und auf Video aufgezeichnet wird, verschoben. Ein Vorteil der digitalen Lehre.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Semester freiwillig sein muss.

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Das ist der zweite Teil des Erfahrungsberichts zum digitalen Semester aus Studierendenperspektive.
Zum ersten Teil hier klicken
Zum dritten Teil hier klicken.

Bildquelle: pixabay.com

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