Das digitale Semester – Ein Erfahrungsbericht (Teil 3)

Symbolbild: Studieren daheim im Home office

„Studierende wie Lehrende werden neue und vielfältige Erfahrungen sammeln“, schrieb Frau Prof. Dr. Gabriele E. Schaumann, Vizepräsidentin der Universität Koblenz-Landau in einer Rundmail zur Begrüßung im Sommersemester 2020. Gemeint war damit die Umstellung auf das erste rein digitale Semester aufgrund der Corona-Pandemie. Wie erfahren Studierende das Semester? Der letzte Teil eines Erfahrungsberichts.

Tag 7 – Mittwoch, 29.04.2020

Das Seminar um 10.15 Uhr findet über eine Konferenz bei Big Blue Bottom statt, ein Programm, das man über OLAT erreicht. Das funktioniert technisch erstaunlich gut und auch die Teilnehmenden sind diszipliniert, niemand schreibt Spamnachrichten oder ähnliches (vermutlich auch da man durch den Klarnamen eindeutig identifizierbar ist).

Der Morgen beginnt jedoch mit einem Ärgernis: Es wäre eine Hausaufgabe zu erledigen gewesen. Diese diene als Ersatz für die übliche Anwesenheitskontrolle und muss bis zum Mittag des Vortags per E-Mail an den Dozenten geschickt werden. Diese Aufgabe habe ich vergessen, obwohl ich mir für jeden Tag Aufgabenlisten mache, um mir einerseits selbst etwas Struktur zu geben und andererseits nichts zu vergessen. Daher ärgere ich mich – über mich selbst und über die Uneinheitlichkeit (und dadurch Unübersichtlichkeit) der Veranstaltungen.

Von der Veranstaltung habe ich nichts mitnehmen können, da inhaltlich nur die Hausaufgabe diskutiert wurde. Zusätzlicher Nachteil: Da die Hausaufgabe als Ersatz für die Anwesenheitskontrolle gilt und man in der Regel in einem gewöhnlichen Semester nur zwei Fehltermine bei einem Seminar haben darf, fühle ich nun einen noch größeren Druck, immer etwas abzuliefern. Werden mehr als zwei Hausaufgaben nicht abgegeben, wird die Veranstaltung nicht anerkannt. Bei mir kam die Frage auf, ob das von rechtlicher Seite, genauer: durch die Prüfungsordnung so möglich ist. Ich weiß es nicht, in der Prüfungsordnung findet sich nichts und ich denke, dass es Auslegungssache ist.

Mein Kopf war
recht voll und
konnte kaum
Inhalt aufnehmen.

Ansonsten habe ich an diesem Tag den Text zu dem Seminar nachgeholt und mich weiterer Lektüre für die Veranstaltungen zugewandt. Das Ansehen einer weiteren Vorlesung, welche an diesem Tag standardmäßig stattgefunden hätte, habe ich auf einen anderen Tag der Woche verschoben. Mein Kopf war recht voll und konnte kaum Inhalt aufnehmen.

Tag 8 – Donnerstag, 30.04.2020

Auch an diesem Donnerstag findet das Seminar um 10.15 Uhr wieder in der Form statt, dass die Teilnehmenden ein vorher aufgezeichnetes Video ansehen. Das funktionierte gut, man konnte inhaltlich gut folgen. Bei diesem Seminar werden über das Semester fünf umfangreichere Aufgaben gestellt, von welchen drei erledigt werden müssen. Die Dozentin entschied, dass sie die in der letzten Woche gestellte Aufgabe auch dazuzählen wolle. Ursprünglich war diese keine der fünf Aufgaben. Zum ersten Mal in diesem Semester spürte ich etwas Erleichterung, da einmal Arbeit wegfiel statt noch hinzuzukommen.

Im weiteren Verlauf des Tages habe ich noch einen Text fertiggelesen und die ursprünglich am Dienstag stattfindende Vorlesung angesehen. Auch hier hatte ich wieder einen sehr positiven Eindruck: Erneut ein technisch gut produziertes Video. Sympathisch: Der Dozent hat ein Outtake der Aufnahme ans Ende des Videos gehängt, in dem er sich verspricht und lacht. Wir sind eben alle nur Menschen.

Wir sind eben
alle nur Menschen.

An diesem Tag war ich erst um etwa 20 Uhr fertig mit dem Arbeitsumfang von diesem Tag. Viel Freizeit blieb also nicht mehr. Ich dachte nicht, dass sich das so fortsetzen würde.

Anmerkung zu Freitag, 01.05.2020 und Samstag, 02.05.2020

Ursprünglich sollte dieser Erfahrungsbericht nur die Tage umfassen, an denen auch standardmäßig meine Veranstaltungen stattfinden würden (daran orientiert sich auch die Nummerierung). Andere Tage dienen in der Regel zu Vor- und Nachbereitung. Da sich jedoch der Arbeitsumfang derart krass dargestellt hatte, soll nun kurz auf die beiden nachfolgenden Tage eingegangen werden.

Freitags habe ich mir die ursprünglich für Mittwoch festgelegte Vorlesung angesehen. Diese mit Screencasts (siehe Tag 3) realisierte Vorlesung hat auch einen guten Eindruck gemacht. In einem Seminar sind über das Semester vier Exzerpte anzufertigen: Ich habe an diesem Tag ein solches geschrieben. Fertig mit meiner Arbeit an diesem Tag war ich erst um kurz nach Mitternacht.

Samstags habe ich mich an die Hausaufgabe eines Seminars gesetzt. Der dieser zugrundeliegende Text war sehr abstrakt und schwer zugänglich – zumindest für mich, sodass ich auch hier sehr viel Zeit investiert habe. Die Hausaufgabe habe ich erledigt und abgesendet, jedoch habe ich nicht den Eindruck, das Gelesene verstanden zu haben. Meine Ressourcen waren restlos aufgebraucht, als ich etwa um 18.20 Uhr mit meiner Arbeit fertig war. Es war ein pures Stressgefühl. Ich freute mich auf einen freien Sonntag.

Es war ein pures
Stressgefühl. Ich
freute mich auf
einen freien Sonntag.

Tag 9 – Montag, 04.05.2020

Die Stimmung ist trotz des freien Sonntags in der neuen Woche nicht gerade gut und die Motivation hält sich ebenfalls in Grenzen. Sind die Ressourcen schon in der dritten Woche verbraucht? Das Referat im morgendlichen Seminar ist mithilfe der Audiopodcasts gut gehalten. Ich habe entdeckt, dass es noch weitere Audiodateien vom Dozenten gab, welche ich mir noch nicht angehört hatte. Diese hatte ich für diesen Tag nicht eingeplant, habe sie dann aber angehört. Es ist nicht das erste Mal in diesem Semester, das unerwartete (bzw. durch Übersehen, Überhören oder ähnliches verursachte) Mehrarbeit auf mich zukommt – sie hält auf und lähmt.

Für die Vorlesung wurden die Folien mit den rot markierten Fragen hochgeladen. Vorzubereiten war ein Text. Obwohl ich diesen mit großem Interesse und sehr aufmerksam gelesen habe, konnte ich durch die Folien nicht viel verstehen beziehungsweise behalten. Der Inhalt der Vorlesung ist für mich persönlich von großem Interesse und ich möchte ihn auch längerfristig behalten, jedoch erscheint mir dies so – vor allem in Verbindung mit den Anforderungen der anderen Veranstaltungen – nicht möglich.

Nach dieser Erkenntnis habe ich über mein Studium nachgedacht und wie ich was legen oder verschieben kann. Mehrere Szenarien habe ich durchdacht. Was dabei auch immer mitschwangt waren die Gedanken rund um das BAföG. Ich kam schließlich zum Schluss, dass ich zwei Veranstaltungen in einem späteren Semester belegen könnte, um mich so in diesem digitalen zu entlasten. Somit hätte ich nur vier Veranstaltungen in diesem Semester, die ich mit ihrem Umfang schaffen kann.

Tag 10 – Dienstag, 05.05.2020

An diesem Tag fehlt mir jegliche Motivation, um etwas zu tun. Ich habe es den ganzen Tag versucht, aber es ging nicht. Mir erscheint es jetzt tatsächlich am sinnvollsten, wenn ich zwei der sechs Veranstaltungen in diesem Semester fallen lasse, um mich zu entlasten. Gerne tue ich es nicht. Die Situation mit der Corona-Pandemie und das social distancing sind belastend genug, auch damit muss man umgehen. Drastisch formuliert: Wem nützt ein abgeschlossenes Studium, wen er*sie ein Burnout oder ähnliches hat?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass dieses Semester freiwillig sein muss.

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Das ist der letzte Teil des Erfahrungsberichts zum digitalen Semester aus Studierendenperspektive.
Zum ersten Teil hier klicken.
Zum zweiten Teil hier klicken.

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