Scheiße im Speckmantel

Jetzt ist Schluss mit Glatze. Die Bomberjacke bleibt im Schrank, zusammen mit Springerstiefeln und „CONSDAPLE“-Shirt. Demozüge der besorgten Bürgis sehen aus der Vogelperspektive nichtmehr aus, wie die Haut eines rasierten Dalmatiners. Doch nicht nur der Kleidungsgeschmack der rechten Ecke unserer Gesellschaft erfährt gerade eine Erneuerung. Daran, dass sich unter Hool-Ästhetik und braun-rotem Karo-Hemd auch immer öfter der ein oder andere New-Balance-Schuh oder Jutebeutel sichten lässt, ist erkennbar, dass es mehr und mehr Menschen zu den so genannten „neuen Rechten“ zieht. Denn sie sind nicht nur ästhetisch ansprechender, sondern verpacken Rassen-Ideologie und Protektionismus neu und damit weit aus gesellschaftlich akzeptabler.

1972 spaltete sich von der damaligen NPD die „Aktion Neue Rechte“, kurz ANR, ab. Sie strebte demonstrativ keine Annäherung an den historischen Nationalsozialismus mehr an, sondern verfolgten eine eher zukunftsgerichtete nationalistische Politik. Dabei wurden zunehmend Verbindungen in das konservative Spektrum gesucht, die Vordenker legten Wert auf ein seriöses und intellektuelles Auftreten. Die Rechte sollte vom braunen Staub des dritten Reichs befreit werden. Der Personenkult um Hitler musste ebenso weichen, wie die offenkundige Abwertung anderer Nationalitäten – der Populismus erhielt Einzug in die rechte Parteienlandschaft der jungen Bundesrepublik.

Denn obwohl die Ausrichtung der neuen Strömungen vordergründig weitaus gemäßigter und eher konservativ als rechtsextrem scheint, ist dies bei vielen Gruppierungen, die auf die ANR zurückzuführen sind, nicht der Fall.

Ein Beispiel: Als Kernstück haben die meisten Strömungen den so genannten „Ethnopluralismus“, dessen wesentliche Aussage ist, dass jedes „Volk“ ein Recht auf Verschiedenheit habe. Zur Wahrung dieser Unterschiedlichkeit müsse man das eigene Land gegenüber anderen Ethnien abschirmen. Intuitiv klingt das zwar weniger krass als „Ausländer raus“, oder „Rassentrennung“, heißt aber im Endeffekt nichts anderes. Auf Gutdeutsch also: Deutschland den Deutschen, Frankreich den Franzosen.

Aus dem Ethnopluralismus ergibt sich auch eine entscheidende strategische Überlegenheit der neuen Rechten gegenüber der traditionellen: Das neue idiologische Konzept lässt die Abwertung einzelner Menschengruppen zwar zu, umgehen aber gleichzeitig Kritik an der internationale Vernetzung einzelner rechter Gruppierungen. Währenddessen wird sich durch die Vermeidung von Begriffen wie „Rasse“ die meist oberflächliche Auseinandersetzung mit rechter Ideologie zu Nutze gemacht. Mit dem Weglassen dieser Trigger-Wörter kann die oft durch soziale Konventionen und nicht durch Argumente begründete Ablehnung rechten Gedankenguts abgeschwächt oder umgangen werden. Menschen sind also eher geneigt, sich mit den Ideologien der neuen Rechten auseinander zu setzen, ohne sie von vornerein abzulehnen.

Eine Schlüsselfigur dieser Strategie ist aktuell Götz Kubitschek. Während er in Reden bei Pegida-Demonstrationen ein stumpfes Ressentiment nach dem anderen bedient und aus seiner rechten Gesinnung keinen Hehl macht, versucht er auf der Internetseite des von ihm gegründeten „Institut für Staatspolitik“ (IfS) den Eindruck einer echten intellektuellen Auseinandersetzung zu wecken. Die schlichte, in Blau- und Beigetönen gehaltene Seite macht auf den ersten Blick einen seriösen Eindruck. Sie lädt ein zu Veranstaltungen wie „USA unter Trump – wie weiter, Europa?“ oder „Querfront im Zeitalter des digitalen Kapitalismus?“ und wirkt daher zunächst recht unverfänglich. Man muss eine Weile suchen, bis schließlich Überschriften wie „Die Flüchtlingsindustrie“ erscheinen, sowie Links zu Büchern des ebenfalls von Götz Kubitschek gegründeten Antaios-Verlags. Hier verraten die Titel mehr über den Inhalt. Beispielsweise „Umvolkung. Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden“ von Akif Pirincci, einem etwas cholerisch wirkenden Populisten, der ursprünglich durch die Erfindung des Katzen-Krimis an Aufmerksamkeit gewann. Zu finden sind hier auch Werke Martin Sellners, des Posterboys der sogenannten „Identitären Bewegung“ in Österreich. In Deutschland erfreuen sich seine Bücher innerhalb der neu-rechten Gruppierung großer Popularität.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit betreibt Sellner zudem einen Youtube-Kanal mit über 20.000 Abonnent*Innen. Mit kecken Titeln wie „Helden & Flaschen“ oder „Schwarzblau, Nafri-Terror & Antifa-Fails“, sowie hippen Bild-Collagen als Thumbnails richtet er sein mediales Angebot gezielt an jüngere Wutbürger*Innen.

Götz Kubitschek, Akif Pirincci und Martin Sellner vermitteln also Ideologien, die bereits vor 200 Jahren mit guten Gründen aufgegeben waren, verbergen dies allerdings unter einer zeitgemäßen und zielgruppengerechten Verpackung.

Besonders schmackhaft für Jugendliche und junge Erwachsene ist die bereits erwähnte Identitäre Bewegung. Sie ist eine der momentan prominentesten Strömungen der neuen Rechten. In Frankreich gegründet ist sie mittlerweile auch in anderen Ländern der EU aktiv, unter anderem in Deutschland. Eine Initiative der Identitären, die vor allem die alternative Seite der Organisation betonen soll, ist ein Hausprojekt in Halle/Saale. Die von dort ausgehende Planung von Aktionen wird durch die Bewohner*Innen engmaschig über Instragram und andere soziale Netzwerke begleitet und zeigt die dort Lebenden als rebellische Aktivist*Innen. Auffällig ist hier, dass Protestmethoden gewählt werden, die sehr an die der politisch Linken erinnern. Das Hissen von Bannern, verteilen von Flyern in Universitäten oder Organisieren von Sitzblockaden vermittelt in Kombination mit feschen Logos und neuer Farb-Kombi gleich ein ganz anderes Bild, als die herkömmliche Nazi-Kameradschaft. Abenteuer erleben, ein bisschen Revolte – die Identitären liefern damit das All-inclusive-Spaß-Paket des politischen Engagements; eine Angebot, das bisher nur von Links zu haben war. Auch wenn das Abkupfern von linken Methoden vorerst nach einem billigen Trick klingt, hat diese Strategie durchaus das Potential, Engagement von Nicht-Nazis zu erschweren. Da die Wirksamkeit der oben genannten Aktionsformen nicht an ihren Inhalt gebunden ist, lassen sich diese Taktiken prinzipiell beliebig von allen politischen Strömungen anwenden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Assoziation bestimmter Protestmethoden mit linken Positionen nicht durch die Methode an sich, sondern eher durch gemeinsames Auftreten in der jüngeren Geschichte erwachsen ist. Durch das Verteilen von Flyern beispielsweise vermittelt man eine bestimmte Information. Ob es Sinn macht, Flyer zu verteilen ist allerdings nicht zwingend davon abhängig, was auf den Zetteln steht. Die Flyer sind hier lediglich ein Medium. Das Verhindern einer Abschiebung dagegen vermittelt bereits als Aktion eine politische Botschaft. Dadurch, dass die oben genannten Möglichkeiten des politischen Protestes bisher hauptsächlich von linker Seite verwendet wurde, entsteht hier bei vielen eine Verbindung zwischen diesen Aktionsformen und linker Ideologie.

Die Anwendung der Aktionsformen rückt die rechten Organisationen also in ein „linkes“ Licht, verleiht ihnen ein anderes Image und macht sie damit gesellschaftlich akzeptabler. Gleichzeitig macht es rechte und nicht-rechte Bündnisse weniger distinkt, ließen sich öffentlichkeitswirksame Aktionen von Rechts bisher doch bereits durch ihre Art des Auftretens erkennen und abwerten.

Dass links-grün-versiffte Gutmenschen und die Antifa für die Identitären und auch den Rest der Rechten trotzdem nach wie vor „Volksfeind Nummer 1“sind, ist kein Geheimnis. Durch die gerade erwähnte Annäherung in Strategie, und damit Auftreten, besteht allerdings bei so manchem Wutbürger das Bedürfnis nach Abgrenzung. Auch hier beweisen viele einen bewundernswerten Mangel an Kreativität und verwenden eine bereits aus dem Sandkasten bekannte Strategie der Verteidigung: „Selber!“

Der ursprünglich den Stalinismus bezeichnende Begriff des sogenannten Linksfaschismus wird immer häufiger genutzt, um nicht-rechte Aktionen herabzuwürdigen. Ein Beispiel: In Kandel wurden als Reaktion auf die Trauermärsche und Proteste rechter Bündnisse in vielen Schaufenstern Plakate mit der Aufschrift „Wir sind Kandel – vielfältig, tolerant, offen“ aufgehängt. Daraufhin erschien dazu ein Artikel auf der Internetseite pi-news.net, die ebenfalls dem neurechten Spektrum zugeordnet werden kann. Zitat: Nach der Kundgebung von „Kandel ist überall“ am vergangenen Samstag ging sie durch die Stadt und sah an beinahe jedem Geschäft in der Innenstadt die quasi staatlich verordneten „Wir sind Kandel“-Plakate, die sich gegen den demokratischen Bürgerprotest aussprechen. Diese komplette Gleichschaltung ist annähernd mit den totalitären Zuständen bei den International-Sozialisten in der DDR und den National-Sozialisten im Dritten Reich vergleichbar. Man kann sich gut vorstellen, wie ein städtisch angestellter Meinungsfaschist von Geschäft zu Geschäft ging und den Inhabern suggestiv einflüsterte, dass sie doch sicher auch gegen „Fremdenfeindlichkeit“, „Spaltung“, „Hass“ und „Nazis“ seien, für „Toleranz, Offenheit und Vielfältigkeit“. Wer kann da schon widersprechen?“ Wer sich den ganzen Artikel reinziehen möchte findet diesen unter: http://www.pi-news.net/2018/03/video-myriam-ueber-wir-sind-kandel-kampagne-in-geschaeften/ Einer der Nutzer schreibt als Kommentar über die Ladeninhaber*Innen, die die Plakate in ihr Schaufenster hängten Nazi und Rassist ist das einzige, was aus ihrer Schulbildung geblieben ist, hypermoralisierende Bessermenschen also, meine Meinung über alles, über alles in der Welt. Kurz: echte Nazis.“

Dass dieser Vergleich höchst zynisch ist und sehr weit hergeholt scheint, ist offensichtlich für die Verfasser von Text und Kommentar nicht von Bedeutung. Denn trotz des neuen, glänzenden Images geht es ihnen und dem Rest der rechten Ecke unserer Gesellschaft immer noch um das Legitimieren von fremdenfeindlichen und protektionistischen Ressentiments. Die Ideologie wird sich da einfach so hingebogen, wie es einem gerade passt. Götz Kubitschek, Martin Sellner, Akif Pirincci und viele Andere verzapfen im Endeffekt auch nur alten Wein in neuen Schläuchen. Verfänglich sind diese Strategien allenfalls auf den ersten Metern. Und egal wie man sie verpackt: Scheiße stinkt.

 

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