Was über Kandel noch nicht gesagt wurde

Was über Kandel noch nicht gesagt wurde

– (m)eine Sicht auf die AfD-Demo am 3.3.18 unter dem Motto “Kandel ist überall”

von © Valentin Ardelean-Kaiser

 

“Kandel ist überall” weil menschenverachtende Einstellungen in Mitten der Gesellschaft fest verwurzelt sind – auch in Kandel. Und das nicht erst seit gestern und auch nicht nur vereinzelt. Kandel, die Südpfalz, Deutschland, Europa – alle waren seit den achtziger Jahren bis spätestens 2011 auf dem rechten Auge blind, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Das sollen die im folgenden aufgezeigten Zusammenhänge exemplarisch am beschaulichen Kandel verdeutlichen, ein Ort der zum ersten mal überregionale Aufmerksamkeit erfährt. Die Geschichte die ich heute aufrollen und nacherzählen möchte,  ist zugegebenermaßen eine zutiefst persönliche – dadurch wird sie jedoch nicht unwahr. Ich wuchs in Kandel auf, besuchte dort die Schule, verbrachte meine gesamte Jugend dort. Redebeiträge auf der Gegendemonstration am 3.3.18 konstatierten, dass die meisten angereisten Rechten nicht aus Kandel kämen¹, dass sie nicht für Kandel sprechen würden. Wer diese Sicht auf die Dinge leichtfertig teilt, hat keinerlei Bewusstsein für die Vergangenheit der rechten Szene in und um Kandel sowie deren Einbettung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext.

 

In den neunziger Jahren wurden rechtsradikale Narrative durch Jugendliche vermehrt im klassischen Hooligan/Neonazi-Stil in die Öffentlichkeit getragen: Springerstiefel, Bomberjacke, kurze Haare oder Glatze. Der “Nationale Widerstand Kandel” (NWK) gründete sich 1999/2000. Im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion wandelte sich der Kapitalismus indem er vielfach auf neue Märkte vordrang und ihm neue Arbeitskraft zugänglich wurde, die ökonomische Konkurrenz nahm zu. Die Globalisierung war in aller Munde und die SPD entsprach ihrer neoliberalen Grundsätze mit einer nationalstaatlichen Arbeitsmarktreform, die u.a. den Weg zu den Hartzgesetzen ebnete. Immer mehr Menschen konnten ihren gesellschaftlichen Status nicht aufrecht halten oder wurden sozial abgehängt, soziale Ängste verstärkten sich. Vor diesem Hintergrund beabsichtigte der NWK eine “Suppenküche für Deutsche” zu organisieren, publizierte Texte gegen die “neue Weltordnung” und die “Volksverräter” der damaligen rot-grünen Bundesregierung.² Auf ihrer Homepage greift die Gruppe fast wörtlich den Ton vorweg, der heute von Reichsbürger*innen, Identitären, AfD und den “besorgten Bürger*innen” vielfach die öffentliche Diskussion prägt. Der pseudo-intellektuelle-Kniff der neuen Rechten um Compact, Jürgen Elsäßer und AfD, ihren Volksbegriff gleichzusetzen mit einem (Leit-)Kulturbegriff, wird dort schon im Jahre 2002 vollzogen. Heute hat sich ein kulturrassistisches Verständnis in den Mainstream eingeschlichen dessen Ausgangspunkt neonazistische Gruppen bildeten und CDU/CSU hecheln diesem verpassten Rechtsruck hinterher. Dabei ist die vielfach bemühte Worthülse der “Leitkultur” mittlerweile so abgedroschen wie sie inhaltsleer ist und auch nur sein kann.

 

Im Jahr 2000 fiel der NWK erstmals dem Verfassungsschutz auf. Insgesamt ging man damals von etwa 300 bekannten “gewaltbereiten Rechtsextremisten” in Rheinland-Pfalz aus, deren ideologische Gesinnung sich aus Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus sowie   Geschichtsrevisionismus   speisten.   Der  NWK  umfasste  30-40  Menschen deren Großteil sich aus Kandel und Hagenbach rekrutierte.³ Diese rechtsradikale Szene in der südlichen Pfalz entwickelte sich parallel mit der “Kameradschaft Karlsruhe”, die ebenfalls im Jahr 2000 erstmals in Erscheinung trat. Die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Gruppen ist als konstitutiv für die gesamte Szene der Region zu bewerten. Ebenso war der NWK eng vernetzt mit der “Kameradschaft Leo Schlageter” (Annweiler) und dem sogenannten “Elsaß Korps” in Frankreich. Gemeinsame öffentliche Auftritte zu Gerichtsverhandlungen, revisionistischen Gedenkveranstaltungen sowie die Kooperation beim Organisieren von Konzerten, über nationale Grenzen hinaus, zeugen davon.

Anfang Februar 2001 bemerkte die Polizei das erste Treffen in Kandel im Zusammenhang mit einer „Rechtsschulung für nationale Jugendliche“. Bei dieser Veranstaltung (Thema: „Was mache ich, wenn die Polizei kommt“) wurden 35 Menschen kontrolliert. Zu den Teilnehmer*innen gehörte auch der Anführer der Karlsruher Kameradschaft. Am 11. August 2001 wurden bei einer privaten Feier in Kandel rund 30 Personen kontrolliert. Darunter befanden sich neben der Führungsspitze der Karlsruher Kameradschaft Vertreter der rassistischen und bereits damals verbotenen „Blood & Honour Division Deutschland“ sowie französische Skinheads. Vermutlich wurde bei diesem Treffen versucht, einen Ersatz für die zerschlagene Organisationsstruktur der Skin-Konzerte zu organisieren, so damals Thies von der Polizei Landau. Weiter sagte Thies, dass es sich bei der Kandler Szene nicht um „Sauf- und Rauf-Skins“ handele, sondern um ideologisch gefestigte, junge Leute, die kaum oder keine Straftaten begehen. Deshalb seien sie gefährlicher, „sie finden Akzeptanz bei Jüngeren und Gleichaltrigen“.⁴

 

Um ein Zeichen gegen diesen Filz rechtsradikaler Gruppen und Individuen zu setzen, wurde der gesellschaftliche Teil aktiv, der diese Entwicklung als Peer-Group quasi hautnah erlebte: die Jugendlichen. Schüler*innen der Integrierten Gesamtschule Kandel im Alter von 14-16 Jahren organisierten am 25.5.2002 ein Punkkonzert im örtlichen Jugendzentrum. Zur gleichen Zeit fand, wie jedes Jahr, im Stadtkern der Maimarkt statt. Wie auch die Jahre zuvor war davon auszugehen, dass sich die rechte Szene dort trifft und gemeinsam auf ihre menschenverachtenden Überzeugungen anstößt. In weiser Voraussicht vermerkten die Organisator*innen des Konzerts eine Warnung auf dem Veranstaltungsflyer: aufgrund des Maimarktes seien alkoholisierte Rechtsradikale im Stadtzentrum unterwegs, die Besucher*innen sollten sich auf den direkten Weg vom Bahnhof zum Jugendzentrum begeben und die Innenstadt meiden. Gegen 0 Uhr brach der rechte Mob (u.a. Faschist*innen aus dem Elsaß) schließlich auf, um den Veranstaltungsort anzugreifen: zwischen 0.00 Uhr und 0.15 Uhr attackierten 30-40 bewaffnete Nazis das Jugendzentrum Kandel. Viele der Konzertbesucher*innen waren zu dem Zeitpunkt schon auf dem Heimweg, nur noch ca. 50 Minderjährige – größtenteils 14- bis 16-jährige – waren noch vor Ort. Direkt vor dem Jugendzentrum parkend, bewaffneten sich die Nazis aus dem Kofferraum eines schwarzen BMW mit Schlagwaffen. Gegenstände flogen, Scheiben gingen zu bruch, mehrere Jugendliche wurden verletzt – einer von ihnen mit Stich- und Schnittverletzungen. Nur dem beherzten Eingreifen der Verantwortlichen des Jugendzentrums, als auch einiger Antifaschist*innen ist zu verdanken, dass dieser Angriff verhältnismäßig glimpflich verlief. Die Polizei traf erst nach mehr als 20 Minuten am Ort des Geschehens ein und kontrollierte im Nachgang vielfach die Konzertbesucher*innen auf ihren Heimwegen: die deutsch-nationale Täter-Opfer-Umkehr von Amtswegen her.

 

Von diesem Überfall distanzierte sich der NWK kurz darauf in einer Stellungnahme auf seiner Homepage und unterstellte den Organisator*innen des Konzerts, wie auch den Besucher*innen, eine bewusste Provokation um den NWK in Verruf zu bringen. Es sei nicht der “herkömmliche Besucherkreis” gewesen, sondern “linksfaschistische und gewalttätige Autonome” aus Mannheim, Landau und Ludwigshafen. Als Beweis wurde die Warnung auf dem Veranstaltungsflyer angeführt.⁵ Eine aberwitzige Argumentation die nichtsdestotrotz in der Stadtverwaltung auf offene Ohren stieß. Die direkte Konsequenz seitens der Stadt: dem Jugendzentrum fortan Konzerte mit Punkbands grundsätzlich zu untersagen. Der NWK muss sich, hinter vorgehaltener Hand, köstlich amüsiert haben angesichts der Leichtigkeit sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen und die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge umzukehren.

Unmittelbar nach dem rechtsradikalen Angriff beraumte die Verbandsgemeindeverwaltung zudem einen Informationsabend in der Stadthalle Kandel ein. Zu der Veranstaltung “Rechtsextreme in Kandel” erschienen etwa 80 Besucher*innen, darunter waren ca. ein Viertel der Personen aus der organisierten rechten Szene, denen Verbandsbürgermeister Günther Tielebörger für die Anregungen dankte. “Den anwesenden Jugendlichen aus der rechten Szene, die sich in der Diskussion geschliffen zu Wort meldeten, bot er die Fortsetzung des Gesprächs an. Ziel sei nicht Ausgrenzung, sondern Bewusstmachung, sodass sich Gegner zu Anhängern der Demokratie wandeln können.”⁶ Dem NWK gelang es sich als Zusammenschluss politisch engagierter Bürger*innen zu präsentieren. Sie wurden vom höchsten kommunalen Vertreter für ihre Gesprächsbereitschaft honoriert. Ein Symbol politischer Akzeptanz vor der sogar die Polizei Landau bereits in Bezug auf die Jugendlichen der Region warnte. Diese Politik scheiterte in Form der akzeptierenden Jugendarbeit ebenso im Thüringen und Sachsen der neunziger Jahre, der Brutstätte des NSU.

Dass dieser Ansatz auch im beschaulichen Kandel einer fatalen Fehleinschätzung folgte, erwies sich spätestens im Dezember 2003. Es war am Morgen des 06.12.2003 zwischen 4 und 5 Uhr, als Phillipp R. aus Kandel in der Hauptstraße im Erdgeschoß eines Geschäfts- und Wohnhauses ein Feuer legte. Im Haus befanden sich u.a. eine Gaststätte sowie ein Internetcafe in Händen türkischstämmiger Mitbürger, in den Wohnungen darüber lebten mehrheitlich eingewanderte Menschen und Gastarbeiter*innen. In der Dachgeschoßwohnung schliefen die Cousins Stefanos C. (†23) und Petros C. (†22) aus Griechenland – sie wurden im Schlaf vom Feuer überrascht und hatten keine Überlebenschance. Phillipp R. war in der Tatnacht nachweislich mit den führenden Kadern des NWK unterwegs. Sie begannen bereits mittags auf dem Weihnachtsmarkt in Karlsruhe Glühwein zu trinken, mehr als zwölf Stunden später wurde die Tat begangen. Der Täter wurde im Jahr 2008 verurteilt, das Gericht wertete seinen Vollrausch als mildernden Umstand – das Strafmaß lag bei unter vier Jahren für zwei Morde. Eine Verbindung zum NWK konnte nicht nachgewiesen werden. Bei Gericht vorgeladene Mitglieder des NWK bestritten stets die Mitgliedschaft Phillipp R.’s in ihrer Organisation. Die Tat wurde nicht als politisch motivierte, rassistische Straftat bewertet – die Antonio Amadeu Stiftung sieht dies anders.⁷ Selbst  wenn  der  Täter  kein  Mitglied  des  NWK  war,  selbst  wenn  der  NWK “einstimmig beschloß” das Konzert nicht anzugreifen, die Täter und Täterinnen rechter Gewalt sind in eben diesem Milieu zuhause. Öffentlich wurde Gewaltfreiheit propagiert, intern jedoch in kämpferischem Ton zur “Winteroffensive 2003” aufgerufen. Fünfzehn Jahre nach dem Brandanschlag in Kandel ist das Haus bis auf die Grundmauern abgerissen, das Gelände eine mahnende Ruine an der am 3.3. die AfD-Demo samt fremdenfeindlicher Parolen vorbeiführte. Wenn ich Menschen auf diese Ruine angesprochen habe, so wurde stets beschämen darüber geäußert. Nicht etwa, weil dort zwei Menschen einem rassistischen Mord zum Opfer fielen, sondern weil “der türkische Inhaber des Grundstücks immernoch nichts gemacht hat” und es so “unansehnlich” sei “inmitten der Stadt”. Diese Ruine Ecke Hauptstraße/Bahnhofstraße zu sehen, verdeutlicht mir immer wieder welche eliminatorischen Folgen Nationalismus haben kann.

Der NWK ist seither inaktiv. Seine Kameraden traten u.a. in den lokalen Motorradclub Gremium ein, engagierten sich weiter in Sportvereinen des Ortes und trafen sich weiterhin regelmäßig in der Szenekneipe “Cheers”. Wir müssen annehmen, dass die ehemaligen Mitglieder des NWK ihre Gesinnung nicht wesentlich veränderten und in anderen sozialen Kontexten weiter wirkten. Gut möglich, dass sie sich um die AfD, den dritten Weg o.ä. rechtskonservative bzw. rechtsradikale Neuerscheinungen versammelt haben. Es besteht ein dringender Recherche- und Aufklärungsbedarf – ähnlich der Situation in Sachsen. Woher kommen die Akteur*innen heute? In welchen Zusammenhängen wurden sie politisiert und welche Ideologie steht hinter der öffentlichen Fassade?

Die Politik war vor 20 Jahren blind und verantwortungslos, staatliche Behörden subventionierten den rechten Strukturaufbau über V-Leute. Und die Politik ist jetzt blind und verantwortungslos wenn sie, den Forderungen der AfD folgend, Menschen in bürgerkriegsähnliche Zustände nach Afghanistan sowie den Irak abschiebt und weiterhin die gewachsenen Probleme mit rechten Strukturen in Deutschland verschweigt. Die sogenannten Wutbürger*innen, in geschlossenen Reihen mit ideologisch gefestigten Neonazis, sind seit der Wirtschaftskrise 2008 ein wiederkehrendes Phänomen. Daraus speisten sich “Pro-Köln” in NRW, “Pegida” in Sachsen, der “Dritte Weg” in RLP, schließlich die AfD und Identitäre Bewegung. Sie allesamt sind menschenverachtend und können nur aufgrund eines Umstandes den gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Nationalismus u.w.m. sind chauvinistische Überzeugungen die von weiten Teilen der Gesellschaft geteilt und reproduziert werden. Wie gerade die deutsche Geschichte lehrt, genügt es bereits sich dazu nicht zu verhalten, keine Gegenposition zu beziehen, zu beschwichtigen, sich nicht dem rechtsradikalen Lager entgegen zu stellen: Passivität und stille Akzeptanz sind seit Jahrzehnten eine indirekte Unterstützung menschenverachtender Einstellungen und Wasser auf die Mühlen alter wie neuer Rechter aus der gesamten Republik. Unter diesem Licht scheint der Mobilisations-Slogan der Rechten völlig zutreffend: Kandel ist überall!


1 Die meisten der zahlenmäßig um ein zehnfaches unterlegenen Gegendemonstrant*innen waren ebenfalls keine Kandler Bürger*innen, sondern vielfach Angereiste

http://n-w-k.tripod.com/nwk/id17.html Diese Homepage ist nicht mehr erreichbar unter ihrer Originaldomain, jedoch unter obiger URL teilweise archiviert.

3 VS-Bericht Link 2001/2002 / Rheinpfalzartikel

4 Rheinpfalz Artikel / Archivlink(s)

5 Link zu archivierter NWK-Homepage

6 DIE RHEINPFALZ / Archivlink

7 https://www.welt.de/politik/deutschland/article13725571/181-Todesopfer-durch-rechte-Gewalt-in-Deut schland.html

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