„Rewe ist wie auf dem Klositzen, manchmal läufts, manchmal ist es scheiße und manchmal stinkts“

Guten Morgen! Und falls wir uns heute nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!

Guten Abend. Haben Sie eine Paybackkarte? Möchten Sie mit der Karte zahlen? Vielleicht noch Geld abheben? Nehmen Sie die Quittung mit? Gut, dann Ihnen noch einen schönen Abend.

Ich konnte mich selbst nicht mehr hören. Meine Stimme wurde mit jedem Kunden dünner, mein Lächeln mechanischer, meine Augen müder. Stunde drei von vier am Mittwochabend an der Rewekasse. Ich stehe kurz vor dem magischen Toleranzmedian, nachdem ich anfange grundlegenden und prinzipiellen Hass auf Konsum und die gesamte menschliche Spezies zu entwickeln. Ist dieser einmal überschritten, ist der Feierabend zwar nicht mehr weit, aber dafür fährt die Königsstraße nochmal alles an freakshow auf, was zu späten Abendstunden auf die Bildfläche treten kann. Es ist faszinierend. Es sind vier Stunden, die eine intensive Konzentration an Menschlichkeit inne halten. So viel komprimiertes Leben  findet man nirgendwo sonst. Das schafft ein magisches Habitat mit außergewöhnlichen Individuen. Von diesem Kaninchenbau möchte ich euch erzählen.

Turmbräufraktion:

Klassiker. Meist Männer, die auf den ersten Blick Schicksalsträger sind und auf den zweiten in ihrem täglichen Alkoholeinkauf eine Routine gefunden haben, die Scham und Reue ersetzt und Beständigkeit schafft. An jedem Abend sind es dieselben Gesichter, dieselben Dosen und immer wieder dieselben Pfandbons. Die fehlenden Cent sind auf den Punkt abgezählt und zu meiner stets großen Freude, vorgewärmt. Verlässlich kommen sie im Takt des Leerens der Dosen. Immer wieder sind ihre Gesichter in der Schlange auszumachen. Die Turmbräufraktion umfasst Menschen mit Geschichten, die zu lang für die Rewekasse sind. Aber ein „bis später“, sagt eben manchmal schon mehr als tausend Worte.

Teenager:

Ich habe eklige Anmachsprüche, Pöbeleien, Diskussionen und Verlegenheit an der Kasse erfahren, aber das, was mich jedes mal aufs neue zuverlässig genervt hat, waren Teenager. Teenager, die in ihrem Balzzug aufgeplustert, überschminkt und unfertig Alkohol oder Zigaretten kaufen wollten. Der eine Frontmann, garantiert der einzige aus der Gruppe, der wirklich 16 ist, drappiert sich heroisch in der Schlange, um zu tun, was ihm den ersten feuchten Schmatzer bei einer prickelnden Runde Wahrheit oder Pflicht einbringen wird. Er kauft das erwachsendste, coolste und absolut beeindruckendste, was ich je übers Band hab laufen sehen. Zwei Sixer Bier. Was ein Mann. Ich erblasse kurz vor Erfurcht, dann frage ich nach dem Ausweis, das pubertierende Individum genießt den Moment der offiziellen Manifestation seiner Legitimation diesen Alkohol zu kaufen. Dann fällt der Vorhang und der Auftritt ist vorbei. Er zieht siegreich von dannen. Hach. Diese 15 und 16 jährigen Partylöwen, die sich mit Becks Ice und Hugo ins Delirium schießen wollen, sind Spiegel meiner pickeligen Vergangenheit, auf die ich gut hätte verzichten können.

Die besonderen Schneeflocken:

Sie sind die Würze dieses Jobs. Sie sind Verschwörungstheoretiker, extrovertierte Operndiven, schizophrene Geschichtenerzähler, Druffis und überhaupt die letzten Einhörner der Einkaufskultur. Sie sind einzigartig. Manchmal anstrengend, nicht immer in ihren Aussagen verfassungskonform, aber bestimmt immer ein Ausbruch aus der Kassierlithargie.

Die Schmankerl:

Stammkunden. Ihr seid super! Ihr lacht und erzählt und seid froh und dankbar und eben einfach go. Ihr erlaubt mir einen kurzen Blick in euer Leben. Ihr zieht mich hinter der Kasse hervor und mit in eure Welt. Danke für euer Vertrauen, danke für Eure Geschichten, danke für eure netten Worte.

Kleiner Appell, an alle, die noch keine Stammkunden sind: Werdet welche. Ganz einfach. 1. Ihr lächelt 2. Ihr grüßt 3. Ihr hebt euch aus der Rolle des anonymen Einkäufers raus und erkennt im gleichen Zug auch den Menschen im Kassierer 4. Ihr seid menschlich 5. Fertig

Studenten:

Und dann seid da ihr. Ihr, die man vom Campus kennt. Ihr, die ihr Bierkästen und Ausstattung für einen gemeinsamen Kochabend kauft. Ihr, die ihr in Grüppchen kommt oder ganz in Gedanken. Ihr, die ihr WG-Pfand in Höhe eines Wocheneinkaufs abgebt. Apropos- ihr, die ihr eure Wocheneinkäufe um 10 vor 10 macht. Ihr- macht das bitte nicht mehr. Ihr, die ihr lachen müsst, wenn ihr ungerechtfertigterweise nach dem Ausweis gefragt werdet. Ihr seid cool. Bleibt so.

Und dann sind da noch so viele mehr. Es gibt die Kinder, es gibt die Familien, es gibt die Bild-Bier-Bratwurtkäufer, es gibt die süßen, die ekligen, es gibt die traurigen und die heißen. Es gibt dich und dich und dich. Es gibt pikante Einkäufe (ja, wir checken den Code Kondome, Rosen und Wein), es gibt tausendundeins Anlässe für Sozialstudien.

Wie vielleicht erkenntlich wurde, ist es ein Job, der in seiner Einfachheit unglaublich abwechslungsreich und wenn man es zulässt, sehr involvierend ist.

Ich arbeite nicht mehr im Rewe. Aber ich habe es als eine wirklich erinnerungswürdige Zeit empfunden und möchte hiermit offziell eine Lanze brechen.

Für Kassiererinnen und Kassierer.

Für Kundinnen und Kunden.

Komm, warum nicht: für systemrelevante Jobs!

Für Spaß und Freundlichkeit- weil es sich potenziert.

Für Rettich und Sellerie- was meiner Meinung nach eigentlich keine Existenzberechtigung hat, aber ihr kauft es unangemessen oft, ihr Verrückten.

Für die Wiederbelebung von Smalltalk.

Für Respekt.

Zum Abschluss noch ein paar Grußworte:

Für den „Kinder-können-grausam-sein“ Jungen- pass auf dich auf und bleib bei guter Laune.

Die Faxe-Frau: für wen auch immer du aus deinem Habitus ausbrichst, ich hoffe, ihr habt euch lieb.

Für Lorenz: Hey.

Für den Zeitungs-Joghurt-ü60er: Bleib gesund.

Für dich, der du deine Freundin wie Scheiße behandelst: lass das und behandle sie mit Respekt, das kann doch nicht so schwer sein.

Und abschließend für meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen: Ihr seid ein cooles Team, hat Spaß gemacht!

Damit einen schönen Abend noch wünscht,

Kassierernummer 28

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