Der Hauptmann

Vorausschicken möchte ich, dass der Film in dem kleinen Saal im obersten Stockwerk des Universum Kino Centers gezeigt wurde. Er besticht durch seine gemütliche Atmosphäre und die Nähe zur Leinwand.

Der Film handelt von den letzten Wochen des zweiten Weltkrieges, in denen die deutsche Wehrmacht an allen Bereichen der verschiedenen Fronten Niederlagen verzeichnete. In diesem Szenario findet sich der Deserteur und ehemalige Gefreite Willi Herold in einer Hatz auf sein Leben wieder, die von seinem Hauptmann und anderen Gefreiten vollzogen wird. Er entkommt nur knapp dem Tod und als er herumstreunend, in einem verlassenen Fahrzeug der Wehrmacht, eine ihm passende Uniform eines Hauptmanns findet, streift er sich sie über. Fortan nimmt er die Rolle des „Hauptmanns“ Herold an, sammelt dabei einige versprengte oder selbst desertierte Gefreite auf und bietet diesen an, sich ihm als Leibstandarte Herold zu unterstellen. Die Wahl zwischen Dienen oder dem Todesurteil eines Deserteurs wird recht schnell entschieden. Weiteres möchte ich an diesem Punkt nicht vorausnehmen.

Regisseur Schwentke hat sich dafür entschieden, den gesamten Film in Schwarz-Weiß zu drehen. Dies bewirkt eine Unterstüzung des Abstrakten bei den dargestellten Vorkommnissen. Dem Zuschauer fällt es leichter Abstand vom Geschehen und dessen Bedeutung zu nehmen. Der Schwarz-Weiß-Dreh lässt nicht zu, dass sich die Betrachtenden an einem Farbpunkt fixieren können oder sich von selbigem angewidert abwenden. Ohne Farbgebung bleibt dem Film für das Hervorrufen von Emotionen nur die Bildsprache, die Handlung, sowie Schnitt und Ton. Die Grausamkeit des Films resultiert also nicht aus effektheischender Farbverwendung, sondern vor allem aus der Handlung an sich und der Perspektive, aus welcher man die Gewalkt erlebt. Auch der Ton des Films ist mit Ausnahme eines Kritikpunktes gut gelungen. Ein feines Gespür wurde bei der Auswahl des Liedes „Das gibt‘s nur einmal“ von Lilian Harvey bewiesen. Dieses Lied entwickelte sich zu einem sehr erfolgreichen Schlager im Deutschland der 30er Jahre und obwohl ursprünglich anders kontextualisiert, entspringt dem Lied in Verbindung mit den Szenen des Filmes eine andere geradezu makabre Botschaft. Es wird zu einer Ode an den Krieg an sich und den Möglichkeiten die er bietet. Die Kritik betrifft die, für meinen Geschmack, zu häufige Verwendung von, aus Actionfilmen bekannten, Nebelhorneffekten. Mich überkam das Gefühl, dass sie emotional den Stress der dargestellten Szenen auch soundtechnisch transportieren sollten, allerdings hätten die Szenen ohne besondere Tonunterlegung mindestens ebenso, wenn nicht noch stärker, Verstörung hervorgerufen. Mit diesem Ton im Ohr fühlte ich mich leider zu oft an Batman The Dark Knight oder Transformers erinnert.

Der Hauptmann ist der erste deutsche Film über die Gräueltaten des zweiten Weltkrieges, der dem Zuschauer keinen positiv besetzbaren Charakter als Identifikationspunkt zur Verfügung stellt, es gibt keinen moralisch erhabenen Gegensatz zu Herold und den anderen Figuren. Dies macht den Film für mich persönlich zu einem herausragenden Werk, welches die meisten Filme – besonders die Fernsehfilmproduktionen – der letzten Jahre mit gleichem Thema weit hinter sich zurücklässt. Genau die fehlende positive Besetzbarkeit irgendeiner Hauptfigur, wie auch die völlig ausbleibende Läuterung, welche in anderen Filmen gerne miteinbezogen wird, um die Hauptcharaktere eben doch menschlich, verantwortungsvoll, einsichtig und empathisch zu zeigen, macht den Film zu einem der realistischsten aus seinem Genre. Schwentke selbst sagt:“Ich wollte einen Film aus der Perspektive der Täter aus den hinteren Reihen machen.“ Dies ist ihm gelungen. Aber dieser Ansatz führt uns eben  den unangenehmen, von Teilen der heutigen Bevölkerung noch immer verleugneten, Anteil der Realität vor Augen, dass das System durch alle getragen wurde. Es war pervers und es pervertierte und die Menschen ließen sich gern pervertieren.  So wird in dem Film auch ein Konflikt deutlich, der einen verführen möchte, auf der Seite der Ordnung zu stehen. Gegen eben diese Ordnung scheint Hauptmann Herold aufzubegehren und es entstehen zwei Lager, die sich über ihre Kompetenzen und ihre Macht streiten. In einem schonungslosen Blick wird dann aber doch deren anscheinende Gegnerschaft zu einem Scheinstreit. Während der einen Seite nach deutscher Ordnung und Ordentlichkeit verlangt, verlangt die andere Seite ein schnelles Handeln unter improvisierten Voraussetzungen. Für die Opfer eben dieser Täter ist es jedoch letzten Endes vollkommen egal, auf sie wartet ein bereits entschiedenes Schicksal – das Ende. So entlarvt sich die Gegnerschaft nur als die zwei Seiten einer Medaille – der Menschenverachtung und der Grausamkeit.

Die Besetzung der Charaktere ist außergewöhnlich gut gelungen.  Hauptdarsteller Max Hubacher schafft es, die Korruption seiner Figur durch die erhaltene Machtfülle überzeugend umzusetzen. Der erste Gefreite, Freitag,  der sich dem Hauptmann anschließt und ob der Brutalitäten anscheinend am meisten angewidert ist, sich aber trotzdem nicht in der Lage findet, sich abzuwenden, wird von Milan Peschel gespielt. Frederick Lau spielt in dem Film die Rolle des hitzköpfigen Gefreiten Kipinski und kann sich in dieser ebenfalls gut entfalten. Er stellt innerhalb der Gruppe einen Konkurrenten zur Figur des Max Hubacher dar, allerdings wie bereits genannt nicht, indem er eine moralisch integre Person darstellt. Im Besonderen sind noch zu nennen Alexander Fehling, als ein weiterer Hauptmann, sowie Bernd Hölscher als SA-Führer Schütte, als ein Teil der Leitung des Lagers in welchem Hauptmann Herold später auftaucht. Alle Darsteller schaffen es darzustellen, welche Grausamkeiten von „normalen“ Menschen begangen werden können. Es bedarf dazu keines parkinsonerkrankten speichelspuckenden Adolf Hitlers, dargestellt von Bruno ganz – und das eben gar nicht „menschlich“.

Ich möchte den Film wirklich jedem ans Herz legen. Er kann es schaffen ein Teil einer Aufarbeitung zu sein, auch durch die dargestellten Dilemmata, die immer noch dringend benötigt wird. Wenn Vorsitzende von Parteien heute sagen, man sollte doch wieder auf die Leistung deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg stolz seien dürfen, dann sieht man hier sehr gut, was diese Aufforderung beinhaltet – den Stolz auf ein, auf Entmenschlichung und Empathielosigkeit basierendem, System.

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