Alles öko, oder was? Teil II

Bildrechte: Philipp Steiner. ECOnomic.

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung. Hier geht es zum ersten Teil.

Die ganze Welt ist plötzlich öko. Die ganze? Nein! Ein unbeugsamer Großteil der Menschheit gibt nicht auf, dem ökologischen Handeln Widerstand zu leisten.

„Wer sind denn diese Ökos?“

Wenn ich an Ökos denke, dann denke ich schnell an langhaarige, krautige und bärtige Hipster-VerschnittInnen mit Aladdin-Hosen und Dinkelbrot unter dem Arm und man riecht schon, dass sie vegan sind. Immer voller Liebe, immer auf Kriegsfuß mit dem eigenen Ego, und bald schon nicht mehr Teil der materiellen Welt. Dieses Bild hat mir die AntilopenGang noch tiefer geprägt. Ökos im Sinne eines Menschen mit ökologischen Attitüden gab es aber schon immer, und es gibt sie überall auf der Welt. Sie agieren aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie für ihr mitunter abgehobenes Verhalten zu verurteilen wäre aber fatal, denn es würde uns selbst die Maske vom Gesicht reißen, wenn wir jene auslachen würden, die ihre Suche nach Identität und Zugehörigkeit mal nicht mit Convenienceprodukten mit Apfellogos zu verschleiern versuchen, sondern stattdessen lieber politische oder erdigere Pfade einschlagen. Von esoterisch angehauchter Weltliebhaberei reichen die modernen Motive zu einem ökologischen Lebensstil über Selbstinszenierung á la Berliner High-Society Eco-Cocaine-Szenen über rein rationale Wirtschaftlichkeit bis hin zu einer (mitunter konservativen) Vernunftsposition, die das zukünftige bzw. menschliche Leben schützen will. Gemeinsam haben sie im besten Falle den Willen, die Welt und sich selbst in einer nachhaltigen und schützenden Weise zu behandeln.

Markus schrieb mir eine lange Mail, über die ich mich sehr freute. Er hat mich darauf hingewiesen, dass ein Großteil des weltweit angebauten Sojas nicht zu Tofu und Sojamilch verarbeitet wird, sondern zu Tierfutter. Aus einem Grund, den die Ökologen und Biologen unter uns sehr gut kennen, bleibt etwa 1/10 des ursprünglichen Nährwertes des Sojas in dem Fleisch, das wir essen, bestehen. 90% der Energie gehen durch Atmung, Abwärme und Exkretion pro trophischer Stufe (pro Lebewesen in der Nahrungskette) als Opfer des Impulserhaltungssatzes verloren. Würden Menschen also Soja essen statt des Fleisches, das als lebendes Tier eine zusätzliche trophische Stufe darstellt, wären demnach nur 1/10 der Anbauflächen und ein winziger Bruchteil des benötigten Wassers nötig, um denselben Nährwert zu gewährleisten. Im Endeffekt landen also  viel Regenwaldfläche und Leben in Form von Billigfleisch auf den Tellern derer, die es essen. Weiter ist es nun wichtig anzumerken, dass wiederum der größte Teil der Sojabohnen, die für den deutschen Nahrungsmittelmarkt zugelassen sind (nicht einmal 1% des weltweit angebauten Sojas), nicht aus Ex-Regenwaldflächen stammen. Anbauflächen für Alnatura, Alpro, dennree und Co sind nach ihren eigenen Angaben in Österreich, Frankreich, Italien, Kanada und China verortet. Eine Primärquelle dafür kann ich leider nicht bieten, dafür aber eine Übersichtstabelle (Danke, Markus!). Der Konsum von (importiertem) Tofu hat zusammenfassend einen deutlich geringen Energieaufwand, Wasserverbrauch und Schadstoffausstoß zu verantworten, als Fleischprodukte. Danke für die wertvolle Kritik!

„Über Avocados lässt sich streiten, das gebe ich zu. Die schmecken leider zu gut, als dass man sie einfach so verschmähen könnte. In dem Punkt denke ich mir dann einfach: Ich spare durch meine vegane Ernährung genug CO2 und Wasser ein, dass 3-4 Avocados im Monat für mein eigenes Gewissen durchaus verkraftbar sind. […]“

Das liegt in deiner Entscheidung. Je nach Informationslage treffen wir andere Entscheidungen. Dazu komme ich noch zu sprechen. Wir können die Menschen der Welt leider nicht zum Vegetarismus zwingen, und ebenso wenig dazu, vegan zu leben. In diesen Fällen wäre die Avocado wegen ihrer Reichhaltigkeit und Leckerness ein ziemlich tolles Früchtchen, dessen Schädlichkeit für die Welt durch den umweltschonenden Lebensstil vieler Menschen als kompensiert betrachtet werden könnte. Doch leider ist der Fleischkonsum insbesondere in der westlichen Welt noch sehr groß. Und darum stellt die Avocado auf dem Markt das Luxusgut da, das sie hier in Deutschland auch ist. Sie wächst hier nicht, und darum verursacht sie Schäden (oder auch „Kosten“ bzw. Preise). Diese Preise wird jemand bezahlen, wie ich es in meinem ersten Artikel zu dem Thema erläutert habe. In der Wirtschaft nennen wir das „Externalisierung“.  Ein Unternehmen produziert etwas, das gekauft wird, und dabei entstehen Schäden (und dadurch Kosten), die kompensiert werden müssen (bzw. bezahlt werden müssen). Genau genommen geschieht Vergleichbares im kleinen Maßstab bei allem, was wir tun. Das Unternehmen sollte nun natürlich Geld aufwenden, um die verursachten Schäden (also die entstehenden Kosten) zu kompensieren. Aber nun profitieren doch Einige von dem Unternehmen und seinem Produkt (der Avocado). Wer kompensiert nun? Wird die Produktion durch ökologische Anbauweisen teurer, werden zwar die sozialen und ökologischen Kosten geringer, der Geldpreis der Avocado aber steigt. Bleibt die Avocado billig, geht die Umwelt kaputt. Im Endeffekt zahlen wir alle für das, was mensch tut. Ob wir also am Fleisch sparen und am Gemüse sündigen, oder ob wir einfach nicht darüber nachdenken und nichts wissen wollen und reinen Gewissens 24/7 Schweineschnitzel mit Avocado-Thunfisch-Creme essen, müssen wir selbst entscheiden. Nehmen wir die Verantwortung an, ergreifen Initiative und gestalten die Welt aktiv mit – oder lehnen wir sie ab, und bleiben lieber passiv und Konsument: Ein ewiger Säugling, der nach der Flasche schreit1. Wie du dich nun wirklich „richtig“ verhältst? Das kommt auf das an, was Du weißt. Auf dieser Grundlage fällst du selbst eine Entscheidung. Und daran sollte sich niemals etwas ändern.

„Wegen den Bambus-Zahnbürsten ist zu klären, was wohl besser ist: Per
Flugzeug (in dem auch viele andere Produkte nach D gelangen, sodass der
CO2-Abdruck der Bürste allein verschwindend gering wird), eine aus
schnell nachwachsenden Rohstoffen gefertigte Bürste, oder eine
Plastikbürste, die ewig irgendwo vergammelt, weil Plastik ein Produkt
ist, welches sich nicht zersetzt….“

Einen verschwindend geringen ökologischen Fußabdruck gibt es nicht. Entweder, er wird berechnet, oder er wird nicht berechnet. Die Methodik dazu ist schon schwindelerregend und zum Haare raufen2, aber der Ökologische Fußabdruck (ÖF) ist ein extrem wichtiges Instrument geworden. Der ÖF macht zwar keine Angaben über die relative Nachhaltigkeit eines Produktes, er stellt in diesem Sinne also keine verlässliche Vergleichsgröße dar. Aber dennoch enthält er viel Information, die auf eine Zahl kondensiert und leicht zu kommunizieren ist. Gerade dadurch passieren nun in Bezug auf den ÖF in der Diskussion schnell Missverständnisse oder Fehlinterpretationen. So ist ein kleiner ÖF nicht etwa per se ein kleines Problem. Wenn ein Produkt mit dem Flugzeug fliegt, dann wird dieser Vorgang den Fußabdruck erheblich vergrößern. Egal, wie klein er ist, er mag jetzt um 30% größer sein. Das macht ihn wiederum sehr groß, denn er könnte deutlich kleiner sein. Kleinvieh macht halt auch Mist. Dazu kommt, dass jeder Raum, der in einem Flugzeug beansprucht wird, mit Raum in einem anderen Flugzeug ersetzt werden muss. Kein einziges Flugzeug ist jemals ohne einen Grund gestartet und wieder gelandet, und das wird auch nicht passieren, weil es Energie erfordert – es muss sich lohnen. Für ein Frachtflugzeug seinerseits lohnt sich jede Fracht, die bezahlt wird, und es wird wieder fliegen, sobald es sich lohnt.

Ist die Bambusbürste nun eigentlich besser oder schlechter, als eine Plastikzahnbürste? Ich persönlich kann mich ehrlich gesagt nicht entscheiden. Würden wir alle auf Bambus umsteigen, wäre das sicherlich ein ökologisches Desaster, so wie gefühlt alles, was der Mensch im großen Maßstab fabriziert. Bambus wächst sehr schnell nach. Er wird aber importiert. Plastik kann man recyclen. Das ist aber sehr energieaufwändig. Plastik an sich ist schlimm, insbesondere das beim Abrieb und Abbau entstehende Mikroplastik und der schädliche Qualm beim Verbrennen. Plastik ist toll, insbesondere für ungefähr alles, was wir uns vorstellen können, und vieles, was wir für wichtig erachten: Medizin, Textilien, Elektronik, …ich gucke mich gerade am Wohnzimmertisch um, und werde erschlagen von Beispielen. Der Umgang mit Plastik ist ein brisantes Thema, mit dem sich jeder Mensch befassen muss. Für einen Ausstieg ist es in meinen Augen zu spät. Wir alle hängen am Tropf, und wir sollten uns das eingestehen können, ohne untätig zu werden. Wir brauchen spätestens dann Alternativen, wenn Plastik nicht mehr recyclebar ist. Also kümmert euch alle, es geht uns alle etwas an. Eine Alternative zur Bambus- oder Plastikzahnbürste könnte wohl eine regional produzierte Holzzahnbürste sein, wie Oma sie schon hatte. Nur halt in schöner. Beinah naheliegend, und doch so fern, wenn doch nur für Stylerbürsten geworben wird, auf denen auch noch steht, dass sie ökologisch sind. Man mag eben lieber, was man schon öfter (und im schönen Licht) gesehen hat. Ob man will, und nicht.

Lisa schrieb mir mit der Würze der Kürze:

„Hi, was ist Nachhaltigkeit?“

Das Wort ‚nachhaltig‘ stammt aus der Forstwirtschaft und bedeutet dort ein wirtschaftliches Handeln, das ressourcenschonend ausgelegt ist. Praktisch bedeutet das, mindestens so viele Bäume nachzuziehen, wie mensch fällt. Der Begriff der Nachhaltigkeit hat aber aus der Notwendigkeit heraus auf viele Wissenschafts- und Wirtschaftsbereiche Bezug gewonnen. In der Ökologie nennt man ein Ökosystem dann nachhaltig, wenn sich trotz einer Nutzung seiner Ressourcen (zB. durch den Menschen) seine Leistung nicht erschöpft. Nachhaltiges Wirtschaften bezeichnet solche Produktionsmethoden, die an einem schonenden und im jedem Sinne nachhaltigen Umgang mit der Erde und ihren begrenzten Ressourcen orientiert sind3. Das umfasst viele Gegenentwürfe zum ewigen wirtschaftlichen Wachstumsparadigma unserer Zeit. Analog zum nachhaltigen Wirtschaften zielt unser persönliches nachhaltiges Handeln darauf ab, möglichst punktgenaue Mengen zu produzieren bzw. zu akquirieren und zwar von genau dem, was mensch braucht – nicht mehr, und nichts anderes. Dabei soll möglichst wenig Schaden an dem System Erde angerichtet und möglichst energieeffizient gehandelt werden. Des Weiteren sollen die Systeme der Erden in ihrer immanenten Stabilität und Produktivität eher gefördert, als beansprucht werden.

In der Diskussion um das Öko-sein darf noch eine weitere Frage nicht fehlen:

„Wie kann ich mich zu einem nachhaltigeren Handeln motivieren?“

Grundlage für eine umweltbewusste Einstellung und ein daraus folgendes ökologisch förderndes Verhalten sind insbesondere Verständnis von und Informationen über die Konsequenzen des eigenen Verhaltens4. Wer zum Beispiel darüber Bescheid weiß, dass ein erheblicher Teil des in Sibirien abholzten Urwaldes als Klopapier aus Primärfasern in unseren Toiletten landet, der wird sich deshalb kaum weitere Gedanken machen, als „Ich holze doch nichts ab“. Wer sich aber weiter darüber im Klaren ist, dass ohne stabile Waldsysteme weltweit weniger Sauerstoff produziert und weniger CO2 gebunden wird, könnte sich mit dem Problem schon eher identifiziert erkennen und wer und dann noch einsieht, dass das eigene Kaufen von nicht-recyceltem Klopapier einen direkten Einfluss darauf hat, in welchem Maße der mafiöse Raubbau stattfindet, wird schon zu einem anderen Schluss kommen können. Allen Unentschiedenen sei hier noch gesagt, dass der erwähnte Raubbau Menschenleben5 kostet, wohingegen recyceltes Klopapier noch nicht einmal mehr Geld kostet. Die persönliche Bewertung kann auf vielen Ebenen passieren. Wo ein Wille zu ökologischem Verhalten ist, da ist ein Selbstverständnis gefordert, sich selbst gegenüber ehrlich und reflektiert zu sein: „Warum genau will ich mich in diesem Falle nicht im ökologischen Sinne ‚gut‘ verhalten?“ und „Was ist der Preis dafür, und wer zahlt ihn?“ sind Fragen, die deinen Einkaufszettel zu einem Wahlzettel machen und deren aufrichtige Beantwortung in uns selbst ein Gefühl von Konsistenz und Selbstwirksamkeit6 auslösen kann.

Wer sich an der Sinnhaftigkeit und den Motiven zu ökologischem Verhalten aufhält, sei gebeten, die eigene Motivation zu nicht-ökologischem Verhalten tiefer zu hinterfragen. Logisch begründen lässt sich alles, und ganz leicht sogar die eigene Resignation. Die Resignation lockt gerne, wenn es darum geht, Verhalten und Einstellung auf einen Nenner zu bringen. Besonders, wenn man sich hilflos oder wütend fühlt und keinen rechten Glauben an seine Selbstwirksamkeit aufbringt7. Die Motivation und die Einstellung haben einen Einfluss auf unser Handeln und unsere Rechtfertigung. Das ist reziprok. Wenn wir uns unreflektiert dem ökologischen Wahnsinn unserer Zeit hingeben, entwickelt sich eine Einstellung, die dazu passt. Wenn wir im ökologischen Sinne gut handeln, entwickelt sich eine Einstellung, die dazu passt. Und je stärker unsere Einstellung ist, desto leichter fällt uns das Handeln, das damit konsistent ist.

Es hilft also schon, sich mit dem Thema zu beschäftigen und eine eigene Einstellung aufzubauen bzw. sie zu festigen. Das richtige Handeln kommt dann schon, und kommt dann fast von ganz allein.

 

Ich freue mich sehr über die rege Teilnahme an der Artikelreihe und freue mich auf weitere spannende Fragen und Kritiken. Schreib mir einfach eine Mail mit dem Betreff „alles öko-oder was?“ an phil@la-uni.org und ich will versuchen, sie euch zu beantworten. 🙂

 


 

1Vgl. Erich Fromm: Haben oder Sein.

2Vgl. Galli et al. (2016): Questioning the Ecological Footprint.

3Vgl. http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/nachhaltigkeit/7960

4Kaiser et al. 1996: Environmental Attitude and Ecological Behavior.

6Diese Gefühle sind wichtig um sich wohl zu fühlen und machen uns glücklich. 😉

7Kollmuss & Agyeman 2002: Mind the Gap: Why do people act environmentally and what are the barriers to pro-environmental behavior?

2 Kommentare

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