Die Vermessung der Gedanken

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Als im Jahre 2005 sich der Schrittsteller Daniel Kehlmann im Roman „Die Vermessung der Welt“ mithilfe fiktiver Augen Humboldts die Welt erforschte und vermaß, waren erste vorsichtige Schritte der Wissenschaft zur sogenannten Sezierung oder Vermessung von Gedanken getan.  Endlich sollte, wie zuvor der Globus das Gehirn nun kartografiert, eingeteilt und zerlegt werden, um die darunterliegenden Plattenbewegungen, Gesteinsarten und Bodenschätze zu erfassen und bald auch berechnen zu können. Im Buch Manifest der Hirnforschung im Jahre 2004 kulminierten sich diese Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch innerhalb der Hirnforschung. Es ist hoffender Blick gen Zukunft. Große Schritte wurden seitdem in diese Richtung getan. Das Studium der Ergründung des Denkapparats war schon immer eine geeignete Chiffre für wage Zukunftsmelodie. Der Hauch des Unvorstellbaren umwehte die Forschung am Gehirn von jeher.

Besonders die Fachrichtung Psychologie sieht sich in diesem neuen Feld berufen, einschlägige Ergebnisse erzielen zu wollen. Ihr Kern war und ist, auf rein materieller Ebene, eben schon immer das Gehirn. Freudentränen muss es dieser Fachrichtung in die Augen getrieben haben, als es ermöglicht wurde, den „Mechanismus“ hinter ihrem behandelten Subjekt erforschen zu können. Ein neues, fremdes Gebiet für den unermüdlichen Forschergeist der Menschheit. Eine Art „Wilder Westen-Attitüde“ befällt jene Menschen, die mutig ins unbekannte Terror schreiten. Alte Regel erscheinen im neue Licht belastend und der neuen Möglichkeiten fremd. Es wird also wild geforscht. Kein Feld zu banal, keine Studie zu abwegig. Ungenauigkeit und Selbstüberschätzung ziehen ein. Was gemacht werden kann, wird gemacht werden. Ethische Fragestellung wird im Nachgang geklärt werden. Aber Ethik konstruiert sich, eben nur aus der Erfahrungen des Vergangen und ist dem Wesen nach nie geeignet seine eigene Zukunft zu beschreiben. Eine neue Ethik muss für den Umgang mit dieser Technologisch antreten. Die Psychologie macht damit einen Schritt weg vom Menschen als Patienten hin zur einer reinen Methodik der Subjekt-gelösten Therapie. Der Mensch wird weiter messbar.

Von der Vorstellung dampf- und zahnradbetriebener Mechanismen, welche unsere Gedanken im wahrsten Sinne des Wortes erbauen bis zu den klar strukturierten Gedankenkontinenten von Freud, ist die Neurowissenschaft heutzutage ein Stückchen weg vom Stochern im Nebel. Sie produziert seid Jahre eine unübersichtliche Menge an Rohdaten aus allmgöilchen Studie und Fragestellungen. Die reine Zahlenempirie hat durch den Einsatz von geeigneten Messmethoden größeren Einfluss in jene Wissenschaft bekommen. Gefühle oder Gedanken können nun mit Werte direkt verknüpft werden. Elektroenzophalografie (EEG) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMrT) erlauben es mit ihrer nichtinvasive Methodik, Hirnaktivität am lebenden Subjekt zu messen. Das EEG erlaubt dabei indirekte Messungen der Hirnströme, durch Messung des intern,erzeugten Magnetfeldes und kann dadurch sehr genau die zeitliche Abfolge der Aktivität ermitteln. Das fMRT hingegen erlaubt mithilfe bildgebender Verfahren die Hirnaktivitäten räumlich gut einzuordnen. Die einzelnen Hirnregionen sprechen bei unterschiedlichen Reizen verschieden stark an. Somit kann für jeden Reiz, ob körperlich oder emotional, ein Gehirnbereich bestimmt werden, in dem der Reiz maßgeblich verarbeitet wird. Die Regionen, hier darf man sich keine strikte Trennung wie noch beim Modell Freuds vorstellen, habe keine klare Grenze mehr, sondern die Aktivität verteilt sich ebenfalls auf mehrere Regionen und hat sogar je nach Kontext andere Stärken innerhalb der Regionen. Aber auch die Querverstrebungen zwischen den Regionen scheinen, d.h die Leitung die die einzelne Region verbinden, nach neuster Forschung einen wichtige Funktionen zu erfüllen. Auf den erzeugten Bildern des fMRT sehen wir dann eine grauer Seitenansicht des Patientenkopf mit schillernden rot bis gelbe eingefärbten Bereichen, welche uns die Intensität und den Ort der Aktivität anzeigen. Diese leicht verständlichen Bilder eignen sich hervorragend der Öffentlichkeit einen neuen Durchbruch oder andere fanatische Entdeckungen zu präsentieren. Die neuste Errungenschaft mit indirektem Bezug zur Neurowissenschaft sind zerebrale Organiode oder auch Minibrains genannt. Aus menschlichen Stammzellen werden kleinste Nervenzellbündel gezüchtet. Beobachtet man diese Zellhaufen, fangen sie ab einer bestimmten Größe an wilde Signalfeuer zu senden. Was dort passiert, weiß niemand. Das große Versprechen an diese Miniaturgehirne ist die Aufklärung der chemischen Prozesse bei psychischen Leiden. Einfach gesagt, Stammzellenprobe des Patienten entnehmen, in einer Petrischale sein Gehirn nachwachsen lassen und dann eine individuelle Medikation anhand des Minibrains ermitteln. Soweit die Zukunft. All diese Versprechungen der medizinischen Biotechnolgie und der Neurowissenschaft erzeugen eine Stimmungslage, die neben der baldigen Entschlüsslung des Gehirns und der damit folgenden Lösung vieler psychischen Probleme, die Zukunft lauwarm auf die Türschwelle legt.  Sie schürt Hoffnungen und täuscht vor, wie weit die Neurowissenschaft fortgeschritten ist. Sensation jagt Sensation in dieser aufmerksamkeits-haschenden Wissenschaftsparte. Enttäuschte Hoffnungen führen zu Unglaubwürdigkeit und dieses Attribut ist wie dem Wissenschafter das Verhasste.

Die großen Datenmengen und der Umgang damit, die simple Visualisierung der Forschungsdaten und andere Probleme zeigen Grenzen und Problemen in der aktuellen Neurowissenschaft und ihren Methoden auf. Einem großen Problem, die Berechnung der fMrT Bilder unter Beachtung der Fehlerhäufigkeiten, widmete sich öffentlichkeitswirksam der Forscher Craig M. Bennent mit seiner fMrT Messung eines toten Fisches. Durch die fehlerhaften Berechnungen soll es daher bei vielen Studien der letzten Jahre zu erheblichen Fehlern gekommen sein. Flasche-positive Signale wurde durch mangelte Fehlerkumulierung nicht herausgerechnet. Die damit erzeugten Ergebnisse zeigten damit entstanden Aktivitätszentren, wo sonst keine sein dürften. Benennt nutzte eben nun diese falschen Berechnungen und maß die Gehirnaktivität des Fisches. Wie sich zeigte, schien der Fisch noch lebendig zu sein. Im unter Bereich des Gehirns, zeigten sich Gehirnaktivität im mittleren Skalenbereich (http://prefrontal.org/files/posters/Bennett-Salmon-2009.pdf). Mehrere tausend Studien könnten von diesem Fehler betroffen sein und wären damit unbrauchbar. Ein herber Rückschlag. Je höher die Komplexität der Berechnungen weiter ansteigt und je mehr Hypothesen auf diese Datensätze aufgepfropft werden, desto höher wird die Fehlerwahrscheinlichkeit dieser Daten und dessen Interpretation. Je weiter das Feld voranschreitet, desto gewissenhafter sollte alles kontrolliert werden. Die ermöglichte Datenmenge, die durch die Nutzung der fMrT Methode ermöglicht wurde, schien die Forscher allzu blind zu machen und die oft allzu guten Ergebnisse nicht selbstkritisch hinterfragt zu haben. Neben diesen gravierenden methodischen Fehler gehört die Tatsache, dass jedes Gehirn individuell ist, als weitere Fehlerquelle zur Normierung und Standardisierung von genauen Messverfahren hinzu. Das soziale Umfeld und die gemachten Erfahrungen verändernd, das soziale Organ Gehirn maßgeblich. Die einzelnen Regionen im Gehirn können sich bis zu mehreren Zentimetern in ihrer Größe von ihren Artgenossen unterscheiden. Neue Testverfahren zur Messung der Hirnaktivität müsste diesen individuellen Faktor beachten und damit größere Toleranzen bei Messungen eingestehen.

Dies sind alles interne Problem-Stellschrauben der Methodik und des Umgangs damit, welche über die nächsten Jahre von den Wissenschaftlern angezogen werden sollen. Durch Verbesserung der Methoden und Selbstreflexion auf ihre Möglichkeiten sollte in den nächsten Jahren immer weitere Fortschritte bei der Entschlüsslung des Gedankens gemacht werden.  Ein grundsätzliches Problem der bürgerlichen Wissenschaft wird bei der ganzen Behandlung diese Themenkomplex aber umschifft. Es ist die Frage nach dem Ganzen und dem Teil.

Dem Edikt der Neurowissenschaft „Der Entschlüsslung der Gedanken“ folgend, setzt sich das Gehirn aus verschiedenen Bauteile zusammen. Wenn es möglich ist, die Abermillionen, kleinen elektrischen Signal im Neutronnetzwerk, ergo die Bewegungen im Gehirn in Echtzeit zu erfasst, sollte durch eine geeignete bildliche Darstellung das Auslesen der Gedanke möglich sein.  Neben der Darstellung des Gedankens, könnte die exakte Ablesung jeglicher Vorgänge im Kopf nicht nur der Gedanke, sondern auch die dazugehörigen Gefühle und Erfahrungen sichtbar machen. Folgt man diesem Weg, steht am Ende die schlussendliche Zusammensetzung aller Ergebnisse der Neurowissenschaft, welche dann den menschlichen Geist, das Ich, simuliert könnte. Dieser Simulation wäre es möglich, die Gedanken und die Handlung des jeweiligen Menschen vorherzusagen. Der freie Wille wäre nurnoch eine Illusion, da durch Ermittelung und Zusammensetzung die Einzelteile auch ihre zukünftige Postion vorausgesagt werden kann. Ist der Geist berechenbar, so sind wir es auch. Der Laplacesche Dämon wäre freigesetzt. Die Neurowissenschaft ist damit deterministisch. Der große Fokus der Psychologie auf Empirie und auf, das fast zu spirituelle Glauben an beweisbaren und reproduzierbaren Ergebnisse, deutet auch bei dieser Fachrichtung auf eine Art Determinismus hin. Die heutzutage fast untergegangene Psychoanalyse ist z.B eben, natura rerum, dass sie jeden Patienten individuell behandelt muss, da jeder Mensch durch ein eigenes Set von sozialen Umgebung, Denkmuster und Erziehung beeinflusst worden ist. Empirische Beweise, welche eben reproduzierbar sein müssen, kann die Psychoanalyse deswegen nur schwer belegen. Die Philosophie einen anderen Weg bei dieser Problemstellung angekommen. Sie setzt das Einzeln und das Gesamte in eine wechselseitige, gleichwertige Beziehung. Die Einzelteile können wir konkret bestimmen und rational begreifen. Das Gesamte entgegen ist nur durch Erfahrung vermittelbar. Die Gesamtheit entzieht sich damit (fast) jeder beispielhaften Darstellung und kann nicht „bewiesen“ werden. Keins der beiden Komponenten hat einen Vorrang oder eine größere Wichtigkeit. Das Einzelteil beeinflusst die Gesamtheit, so wie die Gesamtheit das Einzelteil verändert. Beziehen wir das nun zurück auf die Hirnforschung, muss mensch konstatieren, dass die Empirie ein geeignetes Werkzeug ist um verschiedenste Einzelteile des Menschen zu erfassen und zu verstehen, aber der Gesamtkomplex Mensch ist nur in seiner Gesamtheit zu verstehen ist.  Die Grenzen der bürgerlich, empirischen Wissenschaft und damit natürlich auch der Neurowissenschaft und der Psychologie können eben nur durch die Kombination aus Ermittelungen von Einzelbeweisen und der Betrachtung des Ganzen überschritten werden. Erkenntnisgewinn erst durch eine induktive und deduktive Herangehensweise an den Gegenstand.

Frei nach Platon ist zu sagen, Wissenschaftler ist, wer ein Vermögen hat und übt, das Viele und Mannigfaltige in das Wesentliche und Eine zusammenzusehen.

 

 

 

 

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