Die kleine Terrorfibel

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„Verachtete neigen zur Überanpassung, zur Radikalisierung oder zu beiden gleichzeitig. Somit lässt sich Radikalismus nicht mit Verachtung bekämpfen.“

Frei verändert nach Karl Feldkamp

Vor ein paar Jahren ging ein kleiner Aufschrei durch die Medien. Immer wieder wurde es lauter um Radikalisierungen. Immer wieder wurde von der Gefahr einer Radikalisierung gesprochen. Die AfD brachte diesen Tenor am lautesten – allerdings nicht als erstes in den Bundestag. Doch was ist diese Radikalisierung, vor der alle warnen? Hier ein kleiner Analyseversuch.

Die ganze Aufregung drehte sich um ein E-Paper mit einem eher ungewöhnlichen Titel. Es hieß „How to survive in the west“. Der Titel an sich ist weniger erschreckend, klingt ein wenig nach einem Buch über den stressigen Alltag in einer Großstadt.

„A Mujahid Guide“, lautet der Untertitel. Ein Titel der erstmal Angst oder Verwunderung auslöst, aber er gehört zu diesem E-Paper. Herausgeber ist der IS, das Kalifat in Syrien und dem Irak, das vielen radikalen Islamisten eine Heimat bietet.

Das Papier ist 71 Seiten dick und völlig frei zugänglich im Internet zu finden. Im Gegensatz zu den über das Internet verbreiteten Bombenanleitungen und anderen Dingen wie Kreditkartenbetrug oder etwaigen Büchern und E-Papers wie „the Anarchist Cookbook“ oder die Online-Magazine „Phrack“, sowie „Anarchist n‘ Exlosives“, ist es keine lose Sammlung unterschiedlicher Themen ohne Sinnbezug untereinander. Die Ausgabe des Anarchistischen Kochbuches von 1969 ist dabei ausgenommen, da hier ganz klar Sinnbezüge vorhanden sind und die Kapitel aufeinander aufbauen, das gab es allerdings noch als Hardcover. Im Gegensatz zu vielen dieser eher auf Halbwissen oder Erzählungen basierenden Sammelsurien, wurden die Anleitungen bei „How to survive in the West“ in der Realität getestet und von Mitgliedern des IS durchgeführt. So zumindest der Teaser dieses Schriftstückes.

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„How to survive in the west“ ist damit ein Leitfaden. Er dient dazu, dem Leser Wissen zu vermitteln, sich terroristisch zu betätigen. Ich versuche hier ein wenig auf den Inhalt dieses Werkes einzugehen, ihn darzustellen. Ich mache das, damit klar ist, worum es den Autoren geht und was sie damit Menschen versprechen wollen.
Der IS verspricht, dass man nach Durcharbeiten dieses Werkes ein waschechter Geheimagent wäre! Anleitungen zum Bombenbau, Verschlüsslung der Kommunikation und Verhaltensregeln um zwischen den „Ungläubigen“ nicht aufzufallen, gehören zum Portfolio dieses Werkes, genauso wie Überlebensregeln und ein Abriss zu Armeetraining. Man wird aufgefordert, den „Jihad“ zu den „anderen“ zu tragen, Zellen zu bilden und zu agieren, gegen die „westlichen Imperialisten“, Einzelkämpfertum wäre allerdings auch ok, solange es die Sache -den Djihad- vorantreibt. Die Bombenbauanleitungen sollen leicht umsetzbar sein und maximalen Schaden verursachen, mit minimalem Aufwand. Es sind primitive Nagelbomben, gefertigt aus Gläsern oder Druckkochtöpfen, Autobomben soll man am besten mit vielen Gasflaschen bauen, indem man sie in ein Auto lädt und die Karre mit Wucht an etwas Hartes setzt. Man soll lernen, wie man sich im Stadtkampf bewährt und kämpft wie ein Mujaheddin. Das Computerspiel „Call of Duty“ soll laut dem Machwerk dabei für ein tieferes Verständnis sorgen. Das Geheimagentenleben, also die Verschlüsslung der Kommunikation, das Transportieren von Waffen, die Interaktion mit anderen „Agenten“, wird beschrieben und hoch heroisiert. Man ist ein Diener Allahs als Geheimagent des Jihad. Die erlernten Fähigkeiten sollen denen gleichen, die einige Hollywoodfilme skizzieren. Um sich einen Überblick über dieses Geheimagentenleben zu verschaffen, wird das Ansehen der „Bourne“ Trilogie empfohlen. Der Leser soll sich fühlen, als wäre er danach ein Krieger, ein Kämpfer für die wahre „Sache“.

Die Zitate aus religiösen Schriften, also die ideologische Grundlage, sind aus dem Kontext gerissen. Sie stammen aus der Zeit, in der die muslimische Bevölkerung unter enormen Vernichtungsdruck aufgrund der rivalisierenden Hegemonialstrukturen stand (ca. 800 n. Ch.). Viele Koranbezüge zum Töten der Ungläubigen, stammen aus dieser Zeit und werden von vielen Islamwissenschaftlern kritisch bewertet. Zur Untermauerung des Vernichtungswillen des extremistischen Islam allerdings gerne zitiert.

Eine Kurzeinführung in den Prinzipen eines Guerillakrieges ist ebenfalls Bestandteil dieses Werkes und gibt Hilfestellungen zur Auswahl eines Zieles und auch Tipps, wie man das Staatssystem stört, welche Gebäude man attackieren sollte oder welche Infrastrukturen zerstört werden sollten.

Es gibt mehrere weiterführende Links in dieser PDF, einmal zum „SAS Survival Handbook“, welches die Grundlagen des Überlebens in der Wildnis vertiefen soll und „Inside the Global Jihad, My Life in Al-Qaedah – a Spy’s story – by Omar Nasiri.“. Das zweite Buch wird von den Verfassern angeführt als Nachschlagewerk zur Waffenbeschaffung. Es wird also klar ein Bezug zu verfassten Berufsarmeen von Nationalstaaten genommen. Damit wird einerseits die eigene Kommandostruktur aufgewertet, andererseits auch eine gewisse Professionalisierung der eigenen kämpfenden Einheiten gefordert.

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Man bekommt Einblicke in die Planung eines terroristischen Anschlags, inklusive Vorbereitung und Durchführung. Der Anschlag, welcher zur Veranschaulichung genannt wird, dürfte euch als Leser*Innen wohl bekannter vorkommen, als dieses Magazin. Es ist der Anschlag auf eine Satirezeitschirft, der Terrorakt gegen „Charlie Hebdo“. Er wird beschrieben und als Sieg hochgejubelt, als die absolute Erlösung dargestellt und die Terroristen als Helden gefeiert. Es ist widerlich, wenn man liest, wie toll es wäre, Krieg zu spielen. Die Analogien zu bekannten Computerspielen und Blockbustern sind gewollt und sollen ein Gefühl der Übermacht auslösen, durch Phrasen „now you are a one man Army“ wird dies noch verstärkt.

Das Buch endet mit einer Hilfestellung wie man in das Kalifat flieht und einer Aufstellung, durch welche drei Fronten Europa angegriffen werden soll. Raketen wolle man in das Herz Europas schicken, die man auch besitzen würde, als Beweis ist ein Foto eines Off-Road Trucks mit montiertem Raketenwerfer zu sehen. Ob diese Rakete – laut dem Magazin eine russische GRAD (Produziert bis 1988) – mehr als 40m weit kommen würde und ob diese zum Arsenal des IS gehört, ist allerdings eher fraglich.

Als Fazit oder eher als Gedankengang möchte ich nicht Angst schüren, jeder und jede könnte ein Terrorist sein. Alle beschrieben Taktiken und Waffen lassen sich auch von radikalen Extremisten jedweder Strömung bauen und anwenden und sind damit nicht als rein islamistisches Phänomen anzusehen. Ich möchte eher darauf Aufmerksam machen, wie einfach es heutzutage ist, eine Richtung gewiesen zu bekommen, wie schnell man Anschluss finden kann, wenn man ausgegrenzt und abgestempelt wird. Angst vor Fremden, weil sie Terroristen sein könnten – man beachte den Konjunktiv – ist bereits die erste Ab- und vor allem Ausgrenzung. Man behandelt die Menschen anders, meist schlechter und möchte aufgrund seines eigenen Selbstschutzes und der Wahrung des eigenen Sicherheitsgefühls sich von Ihnen Fernhalten.

Um gegen Extremismus und damit auch gegen Terrorismus anzukämpfen, sollte man eher Aufklären und Menschen nicht ausgrenzen. Leider wird dieser Grundsatz heutzutage immer weniger angewandt. Inklusion und Integration müssen immer mehr Angst und Hetze weichen. Menschen muss das Gefühl des Dazugehörens gegeben werden und nicht das Gefühl der Abschottung, sie nicht markieren mit dem Prädikat „unwürdig“. Man sollte mal an den  Alltagsrassisten in sich appellieren und sich darüber klar werden, dass eine der Säulen des Extremismus jedweder Strömung, wie links, rechts, jüdisch, christlich, orthodox, buddhistisch, hinduistisch und die vielen anderen Richtungen, der Zusammenhalt ist. Damit ist kein solidarisches Miteinander gemeint, sondern dass der Aufbau des Gefühls „wir“ gegen „die“. Das Aufwerten der eigenen „Ingroup“ durch die Abwertung einer anderen „Outgroup“, ist nicht nur integraler Bestandteil jeder gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, sondern auch vieler geläufiger Faschismustheorien. Diese Mechanismen bedingen sich gegenseitig. Radikalisierte suchen ihren Feind und finden ihr Feindbild in der Mehrheitsgesellschaft bestätigt. Heutzutage kommt ein vermehrt rassistisches Grundrauschen der Gesellschaft auf und fördert Ressentiments gegenüber nicht „deutsch“ Aussehenden. Diese Wechselwirkungen, in einer sich immer verschärfenden Prekarisierung der Gesellschaft, wirken wie sozialer Sprengstoff.

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In diesen Gruppen wird man als „Bruder“ und „Schwester“ aufgenommen. Die Einsamkeit weicht einem „Wir“-Gefühl. Die Gruppe wird als immer stärker beschrieben und so steigt auch der Glaube in die eigenen Fähigkeiten und in die eigenen Ideologie. Denkt einmal darüber nach, was ihr auslösen könnt, indem ihr euch über die Meinungen und Überzeugungen Anderer lustig macht, das gilt für AfD-Sympathisanten, ebenso wie gläubige Christen, Muslime oder Ethnien. Bücher, Manifeste oder Magazine im Stil von „How to survive in the west“ destillieren das Dazugehören zu den „Richtigen“ und das Abgrenzen von dem „Falschen“ als das höchste Gut heraus. Sowas gibt es es in jeder anderen politischen Stoßrichtung ebenfalls. Radikalisierung oder ein Missionierungswille ist nicht das Problem „des Islams“ sondern jeder Ideologie, oder jeder Religion, die als Ideologie verstanden wird. Eine eindimensionale Betrachtungsweise sozialer Konflikte, die mehrheitlich auf Ausgrenzung und fehlender Perspektiven in einer Gesellschaft beruht, bringt keine Lösung, sie bringt Konflikte. Eine Überwindung von Pauschalisierungen und Vorurteilen macht eine offene, vorurteilsfreie Gesellschaft erst aus. In Deutschland befinden wir uns da gerade auf dem Weg in die entgegengesetze Richtung.

Geht doch mal auf den nächsten Menschen, den ihr aufgrund einiger seiner Äußerungen komisch findet zu und redet mit diesem. Führt einen Diskurs, versucht ihn zu verstehen und eine Lösung für unser Miteinander zu finden. In einer Demokratie bestimmt nicht die größte oder lauteste Gruppe, sondern der Wille zum Kompromiss.

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