Schreibende Menschen I – Das politische Gedicht

Symbolbild: Die Feder ist mächtiger als das Schwert

Was ist Sprache, was ist Liebe, was Politik und Gesellschaft? Gibt es Wunder, was beunruhigt, wovor muss gewarnt werden, wogegen muss sich engagiert und protestiert werden? Oder muss man letztendlich doch flüchten, machtlos und entmündigt, „ohne Vaterland“? Erich Fried hat sich diese Fragen gestellt – oder zumindest stellte er sie anderen.

„Es sind die Gedichte eines wahrhaft demokratischen Menschen.“ Dieses Zitat des Literaturwissenschaftlers, Kulturkritikers und Schriftstellers Hans Mayer bringt pointiert auf den Punkt, was Erich Fried bewegte, was seine Gedichte als Ausdrücke einer Zeit nach den Abgründen der Menschheit, namentlich Nationalsozialismus, Weltkrieg und Shoah, darstellen. „Warngedichte“, „Gedichte ohne Vaterland“, so werden die Gedichte bereits auf den Umschlägen angekündigt – es sind kritische Gedichte, politische Gedichte.

Erich Fried wird am 6. Mai 1921 in Wien geboren, kurz nach dem Anschluss Österreichs 1938 werden seine Eltern inhaftiert, der Vater stirbt an den Folgen des Verhörs der Gestapo, seine Großmutter kommt 1943 in Auschwitz-Birkenau ums Leben. Fried selbst kann fliehen: Nach England, wo er bald beginnt eine Selbsthilfegruppe, „Emigrantenjugend“ genannt, zu gründen, um Menschen zu retten – unter anderen auch seine eigene Mutter. Er wird Mitglied in zwei bedeutenden Flüchtlingsverbänden, beim „Freien Deutschen Kulturbund“ und dem „Austrian Centre“, er knüpft erste schriftstellerische Kontakte, die ersten Gedichte erscheinen. 

In England wird Fried zu einem politischen Kommentator der BBC, bald festangestellt als „Programme Assistant“, später übersetzt er englische Sprachkunst ins Deutsche, vornehmlich Dylan Thomas und William Shakespeare. Und er zweifelt, schreibt, wehrt sich: Der Vietnamkrieg wütet, eine Generation beginnt nach der Vergangenheit ihrer Eltern zu fragen, schließlich kommt es zu Großdemonstrationen und Revolten 1968. Der Dichter steht nicht neben dem Geschehen der Welt, er greift ein. So erscheinen Gedichtbände („und Vietnam und“, „Warngedichte“, „Anfechtungen“, „Zeitfragen“) und er nimmt an Veranstaltungen wie dem „Vietnam-Kongress“ an der TU Berlin oder dem Protest gegen die Notstandsgesetze teil. Auch bei der Gruppe 47 ist er mehrmals zu Gast.

Der Lyriker mischt sich nun immer mehr ein. Sei es die stetige Aufrüstung im Kalten Krieg oder der Umgang mit der deutschen Vergangenheit, der Ausschluss vieler politischer Menschen von ihrem Beruf durch den Radikalenerlass von 1972 oder der Prozess von Stammheim mit dem Terror der Roten Armee Fraktion – Erich Fried schreib dazu, darüber, dagegen. Er setzt sich aus, setzt sich auseinander und fügt sich zusammen. Und doch zweifelt er immer, selbst am Schreiben: Den Dichter „[w]enn er Unglück hat/ reißen die Worte/ […] auseinander“ (Fügungen).

Er versteht sich als Streiter der Demokratie, für essentielle Rechte wie die Meinungsfreiheit. Im Gedicht „Schwächer“ gibt es eine Antwort: „Warum sagst du das alles?/ Weil ich es/ noch sagen kann“. Er warnt. Auch Kritik am Verfassungsschutz weiß er in Worte zu kleiden, es ist eine tiefgreifende Kritik um das Fortleben eines zutiefst antidemokratischen Gedankenguts, welches „[…] wurzelnd in Blut/ und Boden/ reichlich gedüngt [werde]/ mit Steuergeldern/ und Untertanengesinnung“ (Tausendjähriges Reich). Bald nennen konservative und rechte Kreise den Schriftsteller nur noch karikativ „Stören-Fried“. Doch er lässt sich nicht beirren, schreibt, stellt Fragen: „Wie lange werdet ihr brauchen/ um über das/ was ich sage/ nicht mehr empört zu sein?“ (Fragen eines engagierten Dichters).

Und man dankt es ihm. Er kann seine Tätigkeit bei der BBC bereits Ende der 1960er Jahre aufgeben und sein Leben nun vollends dem Engagement und der Sprachkunst widmen. Man verleiht ihm den „Internationalen Verlegerpreis“ und Christian Bourgeois, ein französischer Verleger, sagte über ihn, dass er „dem Spruchgedicht und dem dokumentarischen Gedicht neue Formen und Wege gewiesen [,] [d]em deutschen Gedicht [im Allgemeinen, Anm. A.S.] […] Knappheit, politische Würde und den kritischen, solidarischen Zweifel zurückgewonnen [habe].“ Weitere Preise folgten, etwa 1986 der Österreichische Staatspreis oder 1987 der Georg-Büchner-Preis.

Zweifeln, aber sich wehren, retten – andere und sich. Ein Leitspruch, der sich durch Wirken und Werk zieht. Heute droht der am 22. November 1988 infolge eines Krebsleidens gestorbene Lyriker zusehendes unbekannter zu werden. Neben seinen politischen hat er auch emotionalere Gedichte verfasst. Sie handeln von der Liebe, vom Dichten selbst, von Selbstzweifeln und manchmal verblüffend einfachen Antworten: „Es ist Unsinn/ sagt die Vernunft/ Es ist was es ist/ sagt die Liebe [sic!]“ (Was es ist). Obgleich er sich als Lyriker einen Namen gemacht hat, erschien auch Kurzprosa (bspw. Kinder und Narren) und sogar ein Roman (Ein Soldat und ein Mädchen).

Erich Fried ist damals wie heute aktuell. Zwar ist der Vietnamkrieg vorbei und die bipolare Welt mit ihrem Rüstungswettlauf im wahrsten Wortsinn Geschichte, doch auch heute ist die Demokratie, ist der Frieden nichts Selbstverständliches oder gar Unumstößliches. Die Welt ist zersplittert: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Kriege und Konflikte, Migration und Abschottung, die grassierende Ungleichverteilung von Reichtum und Besitz. Und Fried hinterfragte damals, er hinterfragt heute, wenn wir ihn lesen: „Darf ein Gedicht/ in einer Welt/ die an ihrer Zerrissenheit/ vielleicht untergeht/ immer noch einfach sein?“ (Drei Fragen zugleich).

Die Fragen bleiben meist offen, man denkt darüber nach – was spräche mehr für Demokratie als die Maxime zum Gebrauch des eigenen Verstands? Dabei ist der Zweifel zentral. Bei Erich Fried steht er neben zarter Hoffnung und Trost.

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Die Serie „Schreibende Menschen“ möchte unterschiedlichste Menschen vorstellen, die Unterschiedlichstes auszudrücken versuchten oder versuchen. Gemeinsam ist ihnen dabei immer eines: Das Medium der Sprache. Es sollen Autorinnen und Autoren vorgestellt werden – lebende, tote, bekannte und weniger bekannte. Mal auf diese, mal auf jene Art und Weise.

Bildquelle: pixabay.com

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