Must Art´s III

Stimme des Licht Wilhelm Haack-Museum Ludwigshafen

Ludwigshafen, eine Stadt gespalten zwischen Hass und Andersartigkeit. In Mitte dieses Antagonismus steht ein hoher bunter Kasten. Das Wilhelm-Hack-Museum. Ein Leuchtsignal für Kultur in dieser grauen siebziger Jahre Betonwüste.  Sein grellbuntes und graffiti-anmutendes Äußeres lädt ein. Es fängt den Blick und lässt einen nicht los. Es fügt sich lückenlos in die, an vielen grauen Stellen verteilten, heimischen Graffiti ein. Es passt ins Stadtbild. Etwas Schmutz, etwas dreckig von außen. Ein Schwanken zwischen gewollter Verzierung oder Schmiererei lässt einen auf das Innere dieses hohen Rechtecks freuen.

Die Ausstellung Stimme des Lichts bringt den orphischen Kubismus in die Betonwüste. Ein bunter Lichtfleck in dieser Stadt. Offen. In diesem Wort kumulieren sich alle möglichen Beschreibung und Zustände der Innenarchitektur. Den Raum als offen, also seinem ureigenen Prinzip entgegen zu stellen ist herausfordernd, gelingt in der Ausformung dieses Museums aber ausgesprochen gut. Das Gegensätzliche dazu, namentlich die verwinkelten Gänge und Räume, laden dazu ein, hinter jeder Ecke einen weiteren Raum oder Treppe in das nächste Stockwerk zu nehmen. Durch diese offenen Räumen, die immer interessant bleiben, wirkt es nie beengend. Die Wände werden keine abgeschlossene Sphäre, da sie ja an vielen Stellen durchbrochen sind. Der typische Aufbau eines Raums wird damit in Frage gestellt. Innerhalb der Stockwerkstruktur ist man durch die unzähligen Verstrebungen und erhöhten Plattformen innerhalb eines Stockwerks sich nie so richtig sicher, in welchem man sich befindet und wie man ins Nächste gelangt.

Der Orphismus, eine abzweigende Art des Kubismus, wurde vom Kunstkritiker Apollinaire im Angesicht der farbausufernden Gemälde von Robert und Sofia Delaunay im Jahre 1912 ausgerufen. Diese Gemälde zeichneten sich durch eine weiterführende Loslösung der Realität und der darin enthalten Objekte aus. Waren es im Kubismus noch der Realität behaftete und entsprungene Objekte, die durch verschiedene Perspektiven und Formen verzerrt wurden, so löste sich der Orphismus komplett davon. Durch reine Kombination und Komposition von Formen und Farbe sollte die Malerei aufsteigen zur den Sphären reiner Kunst. Eine Kunst, welche direkt über Emotionen und das somatische Gefühl, welches im Angesicht des Kunstwerkes geleitet und erfühlt wird. Durch die Abkehr von der Realität, soll das bestimmende Element der aufklärerischen Realität, die Ratio, die Verzerrung des Gemäldes verhindern. Besonders das Spiel mit Kontrast verschiebender Farben und ihrer Abstufungen spielen hier eine große Rolle. In den vorangegangen Epochen wurde an einzelnen Kunstwerken eine eingeschränkte monochrome Farbplatte verwendet. Eine neuartige, polychrome Farbverwendung sollte den orphischen Bildern innere Bewegung und die graphische Erfassung von Emotionen verleihen. Die etymologische Ableitung des Name dieser künstlerischen Richtung kommt aus der griechischen Mythologie. Orpheus war der Legende nach ein Dichter und Sänger, der mit seiner Musik jegliches Wesen, selbst das wütende Meer verzaubert konnte. Vor der Schönheit seiner Gesänge verbeugt sich selbst der verschmähte Gott Hades, welcher ihm sogar die Bitte gewährt seine Braut aus der Unterwelt heimzuführen. Das direkt unmittelbare Erfahren und die folgende Veränderung durch das unschuldige Hören der Musik, stellt den Musiker an die Anfänge jeglicher Kunst. Sie umspielt auf das Unaussprechliche. Musik ist dadurch der Ursprung jeglicher Kunst. Sie ist reine Kunst. Der Orphismus versucht nun dieser Richtung zu folgen. Sie will sich auflösen, um diese direkte Erfahrung durch Betrachtung zu erzeugen. Dieses Befreien der Kunst von den Objekten wurde zu einen der zentraler Grundpfeiler der weiteren Entwicklung der Malerei im 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung hat mit seinen rund 80 Werken, welche sich von den Anfängen bis zum Höhepunkt dieser farbenstarken und objektauflösenden Kunstrichtung einordnen lassen, eine umfangreiche Anzahl der wichtigsten Vertreter dieser Episode in Ludwigshafen versammelt. Zur besseren Orientierung sind die Bilder in fünf Kategorien eingeteilt. Anhand der verschiedenen Wandfarben kann man erkennen in welcher Sektion man sich gerade befindet. Diese Abteilungen gehen fließend ineinander über. Die Übergänge sind ähnlich wie die Kategorie selbst mehr als Orientierungshilfe denn als starre Abtrennungen zu sehen.  Hat man die breite, ins Untergeschoss führenden Treppe hinter sich, steht man fragend vor der freien Wahl, mit welcher Sektion man beginnen soll oder kann. Die verschiedenen Öffnungen, Spalten und Durchgänge ermöglichen viele Methoden die Ausstellung anzugehen. Die Sektion Orphismus reine Malerei, faltet sich am offensten und prägnantesten am Ende des Treppenabsatz auf und ist damit als Einleitung der Ausstellung, welche nicht sofort zu erkennen ist, gemeint. Angefangen wird mit streng klassisch-kubistische Werken, sich langsam hin zur Ablösung vom Objekt innerhalb des Orphismus aufgebaut. Die nächste Sektion Stimme des Lichts nimmt das kontrastreiche Spiel der Farben ins Visier.  Delaunays Werke Formes circulaires und die Erste Scheibe zeigen eindrücklich die Konzentration auf die Komposition von Farben und die Verwendung von vollen und kontrastreichen Farben. Die Werke Sonia Delaunys begeben sich in die selbe Richtung, wirken aber noch etwas wilder und losgelöster. Ihre Werke haben eine weit gefächerte Farbauswahl und einen vollendeten Objektverlust. Der Versuch, hier verstehen zu wollen, wird scheitern. Das Bild wirkt durch Betrachten.

Das Werke Farbige Karos und Farbige Komposition von Macke bringt den Farbversuchen eine strukturierende Ebene ein. Dem gegenüber sind die Werke der Delaunays intuitiver und breiter. Die Idee der Form, Sektion Nummer drei, wird durch eine Vielzahl von Kupkas Werken dargestellt. Er zeigt die Loslösung von Formen von ihrer Gegenständlichkeit und die Rekombination von geometrischen Formen zueinander. Redundante, mit Farbabstufungen spielende Zusammenstellungen prägen seine Bilder. Beispielhaft kann das Werk Rouge et vert oder auch Wassily Kandinskys Ohne Titel (Komposition) 1919 Aquarell auf Papier, stehen. Mackes Werk Farbige Farbkomposition wiederum setzt wieder eine Dreidimensionalität ein, welche durch die sehr dunkle Farbpalette förmlich in die Tiefe gezogen wird. Der letzte Abschnitt widmet sich der Rhythmischen Simultanität. Ein eindrückliches, innerlich konvergierendes Ausstellungsstück ist das Werk von Sonia Delaunay und Blaise Cendrars. Begleitend zur Entfaltung einer vertikal verlaufenden Kurzgeschichte ist ein parallel dazu verlaufendes Bild gemalt worden. Auch in der Hommage an Johann Sebastian Bach ist begleitend zu einem Musikstück, eine malerische Interpretation entstanden.

Die letzte Wandfarbe verschwimmt im Augenwinkel und die Augen tasten nach dem besten Weg zur Eingangstür. Die Ausstellung ist mit ihren 80zig Werken überschaubar und dank der Zusammenstellung der Kuratorin Nina Schallenberg klappt die überlappende sektionale Aufteilung der teilweise nur minimalistisch abweichenden Werke. Einzelne Werke, besonders in der ersten Sektion wirken teils aus der Luft gerissen. Sie wirkt nicht ganz passgenau, als würden großen Lücken aufragen. Der einzige Max Ernst wirkt in dieser Sektion wie auf ein falsches Fundament aufgepfropft. Die restlichen Abteilungen überzeugen dann weitgehend. Die Zusammenstellung der Werke trifft und leitet einen treibend durch die Ausstellungsräume.  Stimme des Lichts ist bunt und in Bewegung. Die Ausstellung spiegelt mit dieser Ausstrahlung das Graffitimonster an der Außenfassade, in den Innenräumen wieder.

 

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