Die kalte Seite der Universität Koblenz/Landau

Prekäre Lebenssituation und familienfreundliches Studieren in Zeiten von Creditpoints und dem Bachelor/Master System ist erklärtes Ziel vieler Bildungsstätten. Chancengleichheit für bildungsferne oder prekäre Haushalte und die damit einhergehende Unterstützung dieser ist bei der steigenden Zahl an Akademiker*innen notwendig, um sie allen Bevölkerungsschichten offen zu halten. Familienfreundliche Universitäten sollen es Menschen mit Familie ermöglichen, gut zu studieren. Auch die Universität Landau hat sich diesem Credo verschrieben. Die Chancengleichheit ist nach aktuellen Studien in Deutschland noch lange nicht gegeben. Je prekärer die Lebensumstände, desto unwahrscheinlicher ist der Gang zur Universität. Was passiert mit Menschen, die in diesem System keine Chancengleichheit erhalten? Wenn ihre Probleme nicht gehört werden und sie einfach fallen gelassen werden?

Als sich Peter S. in den studentischen Aufenthaltsraum schiebt, welchen wir für unser Interview zweckentfremdet haben, sieht er erleichtert aus. Es ist als würde er endlich alles abladen können. Seine Geschichte in die Welt schreien können, um danach etwas Ruhe und Abstand von ihr zu bekommen. Ein zurückhaltendes Strahlen huscht durch sein Gesicht, vielleicht, weil er seine Geschichte erzählen kann oder vielleicht, weil es nach den langen grauen Wochen endlich die ersten Sonnenstrahlen auf dem Campus gibt. Selbst bei seinen Erzählungen erlischt diese liebenswürdige Ausstrahlung nicht. Als würde die vergangene und seine aktuelle Situation nicht an ihm nagen. Er begegnet ihr mit Witz, dieser ist sein Schild. Er lacht öfter über die Lächerlichkeit mancher Passagen in diesem Spiel. Nach der ersten Viertelstunde zeigt sich, dass er gerne schildert und erzählt. Er hat viel zu erzählen. Es ist wie ein Fluss an komischen Zufällen und verzwickten Situationen, der seine universitäre Laufbahn verfolgt.

Peter S. ist ein Mensch, der dem Alter nach sein Studium bald beendet haben müsste. Leider ist dem nicht so. Er musste den Studiengang wechseln, nach dem gescheiterten Drittversuch in den letzten Ausläufern seines Studiengangs. An vielen anderen Universitäten hätte er die Chance gehabt, diesen Schritt zu verhindern. Der Härtefallantrag wäre diese Chance gewesen. Der Härtefallantrag ist innerhalb der Prüfungsordnung geregelt und würde es ermöglichen gegen die gescheiterte Prüfung Einspruch einzulegen und die Prüfung bei erfolgreichen Antrag zu wiederholen. Dieser Antrag ermöglicht es, unter Berücksichtigung der persönlichen Situation der einzelnen Student*innen, über einen weiteren Prüfungsversuch zu entscheiden. Besondere Umstände, Umstände, die außerhalb der Möglichkeiten des einzelner Studenten liegen, werden beachtet, geprüft und entweder abgelehnt oder angenommen. Damit sollen keine Studierenden geschützt werden, die ihr Studium durch mangelnde Lernbereitschaft beendet haben. Es geht vielmehr um jene Student*innen, die mehr Verantwortung haben als den WG-Putzplan einzuhalten. Aber auch um jene mit gesteigerter Prüfungsangst oder solche, die den Verlust nahestehender Familienangehöriger zu verarbeiten haben. Letztes Jahr versuchte Peter S. nach dem erfolglosen Drittversuch einen Härtefallantrag zu stellen. Die zuständige Stelle im Prüfungsamt konnte ihm darauf nur mitteilen, dass die Prüfungsordnung der lehramtsbezogenen Bachelorstudiengänge solche Anträge nicht vorsieht und der Antrag damit nichtig ist. Nach einer Durchsicht der Prüfungsordnungen hat sich das für alle Studiengänge der Universität Landau bestätigt. Es gibt kein Recht auf einen Härtefallantrag an dieser Universität. Gesonderte Umstände werden nicht berücksichtigt. Jeder ist auf sich gestellt.

Peter S. ist Vater zweier Kinder im Alter von drei und fünf Jahren und wohnt mit seiner Frau in Speyer. Sein Weg zu Universität ist jedem, der die Zugverbindungen nach Speyer kennt, als lang und beschwerlich bekannt. Nach seiner abgeschlossenen Ausbildung und einigen Jahren im Berufsleben, startet er den Versuch, sich durch die undurchsichtigen Umstände des Studiums zu wühlen. Der Beruf des Grundschullehrers ist sein Ziel. Er möchte seiner jungen Familie und sich selbst durch einen höheren Bildungsabschluss ein besseres Leben ermöglichen. Die finanzielle Situation der Familie ist nicht einfach. Er finanziert sich und seine Familie mit einem 450 € Job und BAföG. Das BAföG wurde durch die Umschreibung gestrichen, weshalb er jetzt in seinem erlernten Beruf 30 Stunden in der Woche arbeitet und nebenher versucht das Studium zu beenden. Die unzähligen Kleinigkeiten und Aufgaben im Haushalt einer Familie, von Besorgungen bis zum Transport der Kinder zur Kita, liegen zusätzlich schwer auf seinen Schultern.  Der springende Punkt in dieser Konstellation ist, dass bei seiner Frau vor zehn Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Art der Symptome sind bei den Erkrankten sehr vielfältig und unterschiedlich. Das schubförmige Auftreten der Krankheit ist in allen Fällen vorhanden. Mit 29 Jahren hat Frau S. nun einen Behinderungsgrad von 70% und einen Pflegegrad der Stufe 2. Die Begleitung der Kinder in den Kindergarten, zum Arzt oder in den Sportverein sind für Frau S. sehr beschwerlich. Jegliche Wegstrecken über 500m können nur noch mit Gehhilfe bewältigt werden.  Beim Tragen von schweren Gegenständen, von Wäschekörben bis zu den Einkäufen, kann sie nur in geringem Maße mithelfen. Die Körperpflege des kleinen dreijährigen Sohnes ist wegen des Gewichts des Kindes Peter überlassen. Die Villa Unibunt, der hiesige universitäre Kindergarten, konnte mit der Begründung, die Kinder würden zu weit weg wohnen, seine beiden Kinder nicht aufnehmen. Die familiäre Situation, die finanzielle Problematik, der weite Weg zur Universität und das extrem getaktete Bachelor-/Master-System führen für Peter zu einer hohen Dauerbelastung. Die Jahre verstrichen und das Studium neigte sich Richtung Ende. Im Dezember 2016 erleidet seine Frau einen weiteren Multiple Sklerose-Schub.  Die Situation verschärfte sich. Teilweise fiel Frau S. im Haushalt und bei der Versorgung der Kinder komplett aus. Peter musste weitere Aufgaben übernehmen und sich verstärkt um die Kinder kümmern. Zu dieser Zeit standen die letzten Prüfungen seines Bachelorstudiums an. In der Prüfungsvorbereitungszeit war Peters Konzentration auf die Versorgung seiner Frau und seiner Kinder gerichtet. Er hatte keine Wahl. Zeitgleich musste er arbeiten, Vorlesungen besuchen, die aufgrund des Streiks teilweise ins Kino verlegt wurden und sich auf mehrere Prüfungen vorbereiten.

Ein weiterer Punkt war die Umstellung der Klausur auf eine*n Dozenten*in. Neue Fragen und neue Schwerpunkte bei den Inhalten. Am selben Tag war auch der Termin einer weiteren Klausur. Die Kumulation vieler einzelner, nicht verbundener und außerhalb seiner Handlungsmöglichkeiten stehender Faktoren ließ ihn den Drittversuch um nur wenige Punkte nicht bestehen. Zusammengenommen ergeben die Umstände eine Hürde, die es für den einzelnen Menschen unmöglich machen, zu überwinden ist. Der Exmatrikulationsbescheid folgte wenige Tage nach der Bekanntgabe der Noten. Nach dem erfolglosen Versuch beim Prüfungsamt, der erneuten Übersicht der Klausur durch den*die Dozent*In, wandte er sich an den AStA in der Hoffnung durch persönliche Vermittlung und Gespräche auf seine außergewöhnliche Situation hinweisen zu können. Es wurde ein Gespräch mit dem zuständigen Prüfungsausschuss gesucht, die Anfrage dort allerdings nie beantwortet. Ob es um gewolltes Totschweigen oder das Untergehen im Mailverkehr geht, kann nicht gesagt werden. Nach diesem Gang durch die Institutionen war die Zeit abgelaufen. Entweder Fachwechsel oder Exmatrikulation. Es wurde der Fachwechsel.

Die Enttäuschung ist Peter anzumerken, trotzdem klagt er nicht an. Das ist beeindruckend. Kein böses Wort über bestimmte Institutionen oder einzelne Personen. Er kritisiert ein System, welches einer menschenfernen Systemlogik folgt und welches ihm nicht ermöglicht hat, sein Studium zu beenden. Es geht ihm um Chancengleichheit. Eine Chancengleichheit, die sich an den eigenen Maßstäben messen müsste, würde genau diese Nachteile ausgleichen. Seine Möglichkeit ist verstrichen, der finanzielle Druck brachte ihn dazu. Er hofft aber, dass spätere Studierende in ähnlichen prekären Situation wie er, wenigsten die Chance bekommen, sich zu erklären und zu wehren.. Es geht um die individuelle Anerkennung von kritischen Lebensumständen des Studenten. Das aufgeweckte Lächeln noch immer im Gesicht, streift er sich die Jacke über, verabschiedet sich und geht in die Bibliothek um für seine anstehenden Prüfungen, zu lernen.

 

 

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