Kein Bock. Kein Sex. Keine intakte Beziehung?

Artikel geschrieben von Emilie von Robakowski und Foto von Yohann LIBOT auf Unsplash

Die meisten von euch werden es kennen. Manchmal hat man einfach keinen Bock auf Sex. Wenn die (Beziehungs-)Person gegenüber das akzeptiert, ist alles super und sobald die Libido wieder da ist, kann’s weiter gehen. Aber was, wenn man deutlich seltener Lust verspürt oder überhaupt nicht? Ist man dann irgendwie „kaputt“ oder vielleicht sogar „beziehungsunfähig“, denn Sex ist doch mitunter die Grundlage für eine glückliche Beziehung, oder?

Zumindest wirkt das in unserer Gesellschaft manchmal so. Dabei würden mit Sicherheit auch viele Menschen zustimmen, wenn die Behauptung aufgestellt wird, dass zu einer glücklichen und gesunden Beziehung viel mehr gehört als nur guter Sex. Wie kommt’s dann aber, dass einen vielleicht doch hin und wieder der Gedanke beschleicht „Wenn‘s im Bett nicht läuft, läuft was falsch.“?

Beide Fragen lassen sich damit beantworten, dass wir in einer hypersexualisierten Gesellschaft leben und aufwachsen. Schon im Kindheitsalter begegnen wir, etwa in Film und Fernsehen, sexualisierten Charakteren. Dabei werden in den – leider noch immer sehr binär geprägten – Kinder- und Familienfilmen weibliche Figuren häufiger sexualisiert dargestellt als männliche1. Sexualisierung bedeutet hier beispielsweise aufreizende Kleidung, viel sichtbare Haut und sehr schlanke Hüften. Weiter geht das Ganze im Teenageralter. Früher gab es da Berührungspunkte, zum Beispiel durch Zeitschriften wie die Bravo inklusive der Dr.-Sommer-Rubrik oder durch den ein oder anderen sexuell aufgeladenen Werbeclip. Heute werden die 13 bis 19-Jährigen auf sämtlichen Social-Media-Plattformen und in vielen Serien mit Sex und Sexualisierung konfrontiert. Und das Ganze setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort, während man zusätzlich in Ratgebermagazinen oder Onlineartikeln immer noch liest: „Wie man die Lust in der Beziehung wieder entfachen kann“. Sex spielt in unserer Gesellschaft also eine große Rolle und keinen oder nur wenig Sex zu haben, wird oft als defizitär wahrgenommen, vor allem in Paarbeziehungen.

Aber was, wenn man trotz einer Welt, in der sich vieles um Sex dreht, die Lust (in der Beziehung) gar nicht unbedingt wieder entfachen will oder eigentlich sogar noch nie richtig entfachen wollte? Dann könnte eine Person asexuell sein. Asexualität „beschreibt eine sexuelle Orientierung, bei der Menschen wenig bis keine sexuelle Anziehung zu Menschen empfinden“2. Das bedeutet nicht zwingend, dass diese Menschen gar keinen Sex haben oder wollen. Manche asexuellen Menschen mögen es Sex zu haben, verbinden damit Spaß oder stehen ganz neutral dazu. Andere asexuelle Personen hingegen ekeln sich vor der Vorstellung mit jemandem intim zu werden oder finden Sex gänzlich abstoßend3. Wie Sexualität im Allgemeinen ist auch Asexualität ein Spektrum, auf dem sich Menschen ganz unterschiedlich und individuell verorten.

Und so haben die einen eben auch eine Beziehung und die anderen eben nicht. Fragt man sich in der hypersexualisierten Gesellschaft, in der wir groß geworden sind und gelernt haben, Sex gehört zu einer intakten Beziehung dazu, aber nun: Wie kann das funktionieren? Wie sieht eine Beziehung aus, in der ein, zwei oder auch mehrere Personen – je nach Beziehungsmodell – selten bis gar nicht das Bedürfnis nach Sex empfinden?

Na, anders eben.

Intimität, Nähe oder Vertrautheit werden zum Beispiel eher durch Kuscheln, Massagen, Händchenhalten oder andere Formen körperlicher oder emotionaler Verbundenheit erreicht. Klar, die meisten dieser Handlungen sind auch Teil von Beziehungen, in denen sich keine Person als asexuell identifiziert. Ihnen wird in solchen Beziehungen jedoch häufig kein so großer Stellenwert beigemessen. Sie reihen sich ganz oft einfach hinter Sex ein. Und darin liegt der Unterschied und die Chance zugleich:

Wir dürfen lernen und verinnerlichen, dass Sex Teil einer Beziehung sein darf, aber nicht muss. Keinen oder weniger Sex zu haben muss nicht gleich ein Defizit sein. Wir dürfen uns daran erinnern, dass wir in einer Welt leben und sozialisiert werden, in der Sex und Sexualisierung uns in vielen Bereichen begegnen, und uns im selben Moment zu Gemüte führen, dass kein Sex kein Problem sein muss. Wir dürfen die Seltenheit oder Abwesenheit von Sex neu denken. Wir dürfen Phasen sexueller Unlust als Möglichkeit begreifen, neue Wege zu finden, Intimität zu leben. Wir dürfen nicht sexuellen Handlungen mehr Bedeutung zuschreiben. Wir dürfen uns von der Norm, dass eine intakte Beziehung Sex beinhalten muss, befreien.

Vielleicht helfen diese Worte, wenn einem dann doch mal wieder der Gedanke durch den Kopf schwirrt „Wenn’s im Bett nicht läuft, läuft was falsch.“ – Das muss nämlich gar nicht stimmen.


Die Inspiration für diesen Artikel war das Buch „Kein Bock Club“ von Maria Popov. Wenn du also mehr über Themen wie Asexualität, Lustlosigkeit und gesellschaftliche Erwartungen an Sex erfahren möchtest, kann ich dir diese leichte, informative und auch lustige Lektüre nur weiterempfehlen.


Quellen:

1 Vgl. Götz, Maya: Von coolen Losern, rosa Prinzessinnen und Wespentaillen, in Heinz-Jürgen Voß & Michaela Katzer (Hrsg.), Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien, Gießen: Psychosozial-Verlag, 2019, 277–294. https://doi.org/10.30820/9783837974560-277. Zugegriffen am 30.11.2025.

2 Popov, Maria: Kein Bock Club, Köln: kiwi space, 2025, S. 93.

3 Vgl. Popov, Maria: Kein Bock Club, Köln: kiwi space, 2025, S. 93f.

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