Was sie nicht sagen

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Sie Ich wollte meine Mutter küssen. Sie hatte so traurige Augen und ich war furchtbar allein, da wollte ich sie küssen.
Er Wir sollten reden.
Sie Ich fühle, ich meine ich fühle mich einsam. Wirklich einsam, nicht ein bisschen allein, sondern wie unter Glas, wie in Eis geschlossen, wie zwischen zwei kalten Wänden, so, als hätte mich jemand ausgeweidet und –
Er Ich wünschte, du würdest nur einen Moment zuhören.
Sie Ich möchte Sex. Einfach Sex. Ich muss ganz ehrlich mit niemandem reden, ich brauche bloß einen nackten Körper an meinem, irgendwie Haut, so ein wenig salzig, du weißt schon. Es geht gar nicht darum, zu berühren, ich möchte einfach Sex.
Er Sieh‘ mich bitte an. Bitte.
Sie Es gab diesen Unfall, ich konnte nicht wegsehen, zwei Züge, die ineinander gerast sind. Entgleist. Mir wurde erzählt, dass eine schwangere Frau getötet wurde. Wann war das.
Er Ich habe nicht besonders viel Zeit.
Sie Etwas wurde aus mir herausgerissen, warum ist kein Blut zu sehen. Ich spüre das, etwas fehlt.
Er Hast du mich nicht gehört?
Sie Ich muss etwas erschaffen, kennst du das nicht, meine Hände brauchen ein bisschen Raum, ich fühle so viel, dass ich manchmal nicht weiß wohin damit und dann leg‘ ich es bei Menschen ab, die bekommen Angst, wirklich Panik.
Er Ich denke nicht, dass du und ich, dass wir beide besonders gut funktionieren.
Sie Ich hätte gern geschrien, als du mich betrogen hast. Ich hätte furchtbar gern geschrien. Dieser Schrei steckt noch so in mir fest.
Er Ich habe dich nie betrogen.
Sie lacht Ich träume von ihr, sie ist überall, mit offenen Augen oder nicht, sie klebt an dir, ich fasse dich an und finde nur sie. Wo bist du denn überhaupt. Wo sind denn alle.
Er Hör auf.
Sie Ich glaube, ich glaube ich liebe dich so, dass ich dich töten könnte.
Er Sei still.
Sie Ich habe das immer gehasst, Menschen, die von dir geliebt werden wollen, diese Blicke, als könnten sie dich aufsaugen, als könnten sie Luft holen und dich einatmen, als wärst du ein Meer, an dem sie sich verschlucken. Ich kann diese Traurigkeit nicht ertragen, eigentlich kann ich Gefühle nicht ertragen, spielt gar keine Rolle, was genau das sein soll, ich ertrag‘ sie nicht bei anderen und nicht bei mir.
Er Du bist wahnsinnig.
Sie Mein Herz tut ein bisschen weh.
Er Ich habe nachgedacht, über uns. Eine ganze Weile.
Sie Wie Tiere, das denke ich oft, wie Tiere sind wir alle. Bloß ekelerregender, mir ist übel von uns. Ich frage mich, ob draußen Winter wird.
Er Ich werde das jetzt nur ein einziges Mal sagen.
Sie Ich habe mich in deinen Bruder verliebt, weil du so kalt bist, meine Zähne schlagen aufeinander und meine Haut ist ganz blau, siehst du.
Er Ich habe darüber reflektiert, ein paar Dinge Revue passieren lassen, mich sortiert.
Sie Du bist ein wütender Mensch, oder. Du wirkst gefasst, beherrscht, fast starr, weißt du das, aber ich habe begriffen, dass du in Wahrheit sehr stark brennst, dieses Feuer frisst sich in deine Brust, da sind rußschwarze Spuren, wenn du dich ausziehst. Darf ich dich ausziehen.
Er Als wir uns kennengelernt haben, am Anfang, das war vielleicht nicht optimal.
Sie Wenn du lächeln würdest, ehrlich lächeln, könnte ich fast vergessen, wie sehr du mich hasst.
Er Es hat schwierig begonnen, das wird dir genauso klar vor Augen sein wie mir, wir haben darüber gesprochen.
Sie Ich habe wirklich Hunger, so einen Hunger, der nicht satt zu kriegen ist, ich bin ganz hohl. Innen. Ich bin innen ganz hohl, abgestorben ein wenig, und trotzdem tut mein Herz weh, und trotzdem erinnere ich mich daran, dass wir ans Meer gefahren sind, es hat gewittert und du wolltest nicht schwimmen, als ich ins Wasser gerannt bin, obwohl es gestürmt und gedonnert hat, was hast du gedacht. Hast du gedacht, dass ich sterben möchte.
Er Unser Verhältnis war zu keiner Zeit richtig ausgeglichen, ich möchte dich nicht angreifen, aber du wirst mir doch zustimmen, dass du schon zu Beginn unserer, äh, Beziehung? Ist das eine Beziehung? Du warst jedenfalls anhänglich.
Sie Ich war glücklich. Vollkommen glücklich. Ich dachte, jetzt zu sterben, das ist unmöglich. Jetzt, da ich endlich glücklich bin. Das wäre mir nicht gerecht vorgekommen und deshalb musste ich mich nicht fürchten.
Er Fast schon aufdringlich . . . Ich habe mich mit Freunden beraten, mit meiner Familie, Menschen, die mir nahe stehen. Ich nehme das Problem sehr ernst.
Sie Gestern warst du sehr laut. Nicht außen, ich konnte es dir bloß ansehen, dieses gewaltige Rauschen an dir, es hat mich niedergedrückt. Ich wusste nicht, wie ich Widerstand leisten soll, also war ich still. War ich still, gestern.
Er Ich wollte dich gerade nicht als Problem bezeichnen, versteh mich bitte nicht falsch.
Sie Ich wünschte, mein Kopf würde sich selbst gegen Wände schlagen, aus eigener Kraft, ich sehne mich nach einem Blackout, so heißt das doch, ich sehne mich nach einem Moment, der ausbrennt und taub wird, diese Schmerzen sind unerträglich.
Er Es geht mir sehr viel eher darum, dass wir etwas schwierig zueinander stehen. Ich denke, es gab eine Menge Unklarheiten und möglicherweise hast du mein Verhalten fehlinterpretiert.
Sie Mein Vater hat zu viel Wein getrunken, abends, das kam vor, er hat Wein getrunken, dann hat er immer einen Wutanfall bekommen, es ist aus ihm heraus gebrochen, er ist ausgebrochen, hat mit Worten gespuckt, ich glaube, dass er aggressiv war, und irgend so ein Teil von ihm ist ja auch in mir, wir müssen das alle für uns ins Reine bringen, wir leiden da alle drunter, transgenerationales Trauma nennen die Psychotherapeuten das, sind das Psychotherapeuten, ich könnte mir vorstellen, dass gerade eine Verwechslung vorliegt.
Er Oder nein, Moment, möglicherweise war mein Verhalten gelegentlich missverständlich. Im Grunde musst du mir allerdings wohlwollende Absichten unterstellen.
Sie Ich brauche jemanden, der mich unterwirft, unterdrückt, ab und zu in die Knie zwingt. Ich verstehe das nicht so ganz, aber da ist dieses Verlangen, ich habe dieses Bedürfnis danach, dass mich etwas von außen zerstört, dass sich etwas an mir auslebt, ich wäre gern eine Projektionsfläche für… Ich habe vergessen, wofür, aber ich wünschte, die Gewalt, die ich in mir drin fühle, wäre nicht nur innen, ich wünschte, jemand würde das visuell wahrnehmen und einen Hilfeschrei für mich ausstoßen, ich kann es nicht. Ich kann mich nicht wehren, ich möchte doch unterworfen werden.
Er Ich habe dir, und davon bin ich nach einigen sehr ertragreichen, konstruktiven Gesprächen mit Außenstehenden überzeugt, nie eindeutig signalisiert, dass ich zum Beispiel für den Rest meines Lebens bei dir bleiben will. Halt, falsch. Wollen würde.
Sie Möchtest du mir ein Märchen erzählen, ein Kindermärchen. Ich will mich einrollen und hochgehoben und getragen werden, ich will Honigmilch trinken, ich will ein Märchen und ein paar Kerzen und diesen Geruch nach Sonne und Schafwolle, ich will Urlaub, ich will Urlaub von meinem Leben, nein, ich will Urlaub von mir. Von dir. Ich bringe das manchmal durcheinander. Wer von uns ist eigentlich wer.
Er Und, na ja, wie formuliere ich das jetzt diplomatisch… Ich konnte dir keine deutlichen Signale senden, weil du sehr übergriffig warst, du hast mich massiv unter Druck gesetzt, letztendlich wollte ich deinem Anspruch genügen, ich habe Verantwortung übernommen, an einem Punkt, der uns beiden nicht gutgetan hat. Du bist sehr unselbstständig, ich möchte nicht bedürftig sagen, aber es drängt sich mir ein bisschen auf. Du verstehst mich nicht falsch, oder?
Sie Es wird eine Katastrophe passieren, die Luft zittert schon so, ich schmecke das Chaos, es liegt mir auf der Zunge, nur hören diese dämlichen Schmerzen nicht auf, das nimmt kein Ende.
Er Ich sehe mich leider permanent in der Pflicht, meiner Männerrolle zu entsprechen, das wurde mir vorgelebt, ich würde beinahe von frühkindlicher Konditionierung sprechen, meine Familie legt viel Wert auf diese zwischenmenschlichen Hierarchien.
Sie Erzähl mir. Erzähl mir etwas, das du nur einer Fremden erzählen würdest.
Er Es ist gesund für uns beide, wenn ich mich aus diesem System befreie.
Sie Irgendwie sind wir Fremde. Du bist fremd. Für mich. Soll ich dir etwas erzählen. So, als bestünde keine Gefahr. Als würden wir uns nur dieses eine, einzige, letzte, erste Mal sehen. Ansehen.
Er Wahrscheinlich ist es mäßig sinnvoll, dich vor dem schützen zu wollen, was ich im Grunde zwangsläufig mitteilen möchte.
Sie Es wäre eine Erleichterung, wenn du sterben würdest. So. Ich habe es ausgesprochen. Ich wünsche dich nicht tot. Aber ich wäre sehr erleichtert, wenn es dich nicht länger geben müsste. Ich könnte aufhören zu kämpfen. Ich vergesse manchmal, dass Waffen keine Menschen sind.
Er Ich will mich nicht dafür entschuldigen, bloß… Es tut mir schon auch… Leid. Oh scheiße. Ich hoffe, das nimmt jetzt kein… Kein unschönes Ende.
Sie Die Dinge, die wir nicht sagen. Lass das ankommen. Diese Dinge, die sich ganz klamm und still und kalt festbeißen. In einem verzehren. Was, wenn deine Angst nicht so bodenlos wäre. Dann dürfte ich vielleicht ein bisschen näher kommen…
Er Es muss enden. Wir, du und ich, das wird enden. Ab… Ab diesem Moment.
Sie Escape. Escape, Enter, Shift, Error, Error, Error. Nullen, Einsen, ich bin falsch programmiert, nicht kompatibel, Error.
Er Ich werde gehen.
Sie Du. Darf ich näher kommen.
Er Was? Morgen. Morgen vielleicht.
Sie Ja. Vielleicht morgen.

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